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GovTech-Gipfel 2021: Open Source als Game Changer für digitale Souveränität?

Digitalisierung, Innovation

Covid-19 hat im letzten Jahr den Finger schmerzhaft in die Wunde gelegt: Dem großen Digitalisierungsschub in Deutschland, steht großer Nachholbedarf gegenüber. Die digitale Transformation und damit Souveränität von Staat und Verwaltung muss vorangetrieben werden. Vielfältige Herausforderungen machen das jedoch zum Kraftakt für die öffentliche Hand. Und der ist nur durch Kooperationen zu bewältigen. Ohne zuverlässige Partner, die Anforderungen an sichere und skalierbare Leistungen erfüllen, ist Digitalisierung nicht möglich. Die globalisierte Welt von heute definiert sich über Abhängigkeiten, die sich nicht vermeiden lassen. Staatliche Aufgabe ist es vielmehr, sich über Abhängigkeiten bewusst zu werden, damit verbundene Risiken zu identifizieren und aktiv zu steuern.

Das Handelsblatt hat mit dem GovTech-Gipfel eine Plattform geschaffen, damit sich öffentlicher Sektor und Government-Technology-Szene darüber austauschen können, wie Deutschland die Herausforderungen der Digitalisierung bewältigen kann. In der gesellschaftlichen Diskussion taucht dabei immer wieder Open-Source-Software (OSS) als Allheilmittel auf. Aber kann offene Software zum Game Changer für digitale Souveränität werden? Darüber hat Matthias Görtz CTO der BWI vergangenen Donnerstag gesprochen.

Als Digitalisierungspartner der Bundeswehr betrachtet die BWI den Einsatz von OSS weder mit der Brille eines gewinnorientierten Wirtschaftsunternehmens noch aus der Perspektive der öffentlichen Hand, die über Förderung oder Subventionierung entscheidet. Maßgeblich ist, ihren Kunden vertrauenswürdige, zukunftstaugliche, sichere, und wirtschaftliche IT-Services zur Verfügung.

In puncto Open Source sammelt die BWI seit ihren Anfängen Erfahrungen: Neben OSS-Server-Systemen in ihren Rechenzentren hat das Unternehmen mit dem BwMessenger kürzlich erst eine Open-Source-Lösung für die Streitkräfte entwickelt. Technische Basis ist das Protokoll Matrix. Der komplette Datenverkehr ist Ende-zu-Ende verschlüsselt und der Messenger wird on-premise, also auf eigener IT-Infrastruktur der Bundeswehr betrieben. Die hat damit nicht nur den Quellcode sondern auch volle Datensouveränität.

„Wenn wir an den Verteidigungs- oder Einsatzfall der Bundeswehr denken, dann ist es natürlich wichtig, dass sie selbstständig handeln kann.“

Matthias Görtz, Chief Technology Officer, BWI

Allheilmittel Open Source? Es kommt drauf an.

Open Source-Software-Software bietet Vorteile: ihr Quellcode liegt offen, sie gilt als Inbegriff von Transparenz. Der BWI geben offene Lösungen die nötige Freiheit, Software an individuelle Anforderungen anzupassen. Sie kann von Erkenntnissen der Community profitieren und gleichzeitig eigene Neuentwicklungen zur Verfügung zu stellen. „Partizipation ist wichtig, damit OSS erfolgreich sein kann“, betont Matthias Görtz. Der ständige Austausch mit der Community helfe, Software weiter zu optimieren und könne sie sicherer und weniger fehleranfällig als proprietäre Anwendungen machen.

Görtz gibt aber zu bedenken: „Nur, weil Open Source draufsteht, heißt es noch lange nicht, dass es sicher ist.“ Man könne OSS nicht einfach unkritisch einsetzen und sich darauf verlassen, dass sie von der Community geprüft ist. Fundierte Expertise und ausführliches Testing seien unbedingt notwendig. Zudem müssen Schwächen von genutzten Produkten durch eine resiliente IT-Architektur beherrschbar gemacht werden. Denn klar ist: Wenn Sicherheitslücken gemeinsam aufgedeckt werden können, können sie auch von potenziellen Angreifern ausgenutzt werden. Die Herausforderung in puncto Sicherheit ist und bleibt bei OSS groß. Besonders bei kritischen Anwendungen muss die BWI der Bundeswehr mehr bieten als OSS-Anwendungen mit den jeweils typischen Haftungsbeschränkungen bezüglich Zeitvorgaben für die Beseitigung von Fehlern oder etwaiger vertraglich festgelegter Haftungsbedingungen. Hier reicht es nicht aus, sich auf eine Community zu verlassen.

BWI-CTO Matthias Görtz beim Panel „Digitale Souveränität: Ist Open Source der Game Changer?“ © BWI GmbH© BWI GmbH

Wahlfreiheit hat oberste Priorität

Neben Sicherheit und Zuverlässigkeit, spielt die Nutzer-Akzeptanz eine wichtige Rolle bei OSS und damit dem Beitrag, den sie zur digitalen Souveränität leisten kann. „Das Investment in User Design und User Experience ist entscheidend,“ sagt Matthias Görtz, und führt die BwMessenger-App als Beispiel an: Holen Usability und Design die Nutzer*innen nicht ab und begeistern sie nicht, nutzten sie doch lieber wieder einen der bewährten Dienste. Und das geschehe dann nicht mehr nur im privaten Kontext, sondern betreffe auch berufliche Inhalte, so Görtz weiter. Das kann zu einem großen Risiko werden. Mit dem BwMessenger sei es jedoch gelungen, die Akzeptanz der Anwender*innen zu gewinnen.

Wer eine OSS-Lösung weiterentwickeln und Teil einer Community werden möchte, steht auch vor einer geschäftsstrategischen Entscheidung. Bin ich bereit, signifikant und langfristig zu investieren? Bleibe ich trotz der Erhöhung der Leistungstiefe flexibel und habe ich alle Änderungen, die durch Community eingebracht wurden, identifiziert und akzeptiert? Es geht also letztlich um die Frage welche Lösung – kommerziell oder offen – besser geeignet ist, einen Prozess zu digitalisieren. „Das Wichtigste für digitale Souveränität ist, Handlungs- und Wahlfreiheit zu haben,“ erklärt Görtz. Und dafür brauche es Ressourcen, Skills und Erfahrung.

„Wir müssen daran arbeiten unsere Handlungsfähigkeit zu erhalten und in Teilen auszubauen. Insbesondere bei neuen Technologien müssen wir mehr als einen Fuß in der Tür haben.“

Matthias Görtz, Chief Technical Officer, BWI

Sicherer Austausch von digitalen Identitäten und Nachweisen

Staat und Verwaltung benötigen Kompetenzen, um in der Lage zu sein, digitale (Schlüssel-)Technologien zu verstehen, zu nutzen, zu modifizieren oder herzustellen. Eine solche Schlüsseltechnologie sind digitale Identitäten, denn sie sind Grundlage jeder digitalen Beziehung. „Identitätsdaten sind mit das Kostbarste, was man sich vorstellen kann“, sagt Dr. Markus Richter, Staatssekretär im Bundesinnenministerium und Beauftragter der Bundesregierung für Informationstechnik. Er fordert auf dem GovTech-Gipfel, dass es gelingen müsse, den Personalausweis mit all seinen analogen Funktionen in die digitale Welt zu übersetzen. Mit der eID hat der Bundestag die notwendige Gesetzesänderung kürzlich auf den Weg gebracht. Nach den aktuellen Plänen der EU-Kommission soll es sogar europaweit eine einheitliche eID geben.

Einen nahtlosen, sicheren und verifizierbaren Austausch von digitalen Nachweisen in Europa zu schaffen, ist Ziel der „europäischen Digitale-Identitäten-Initiative“ des Bundeskanzleramts. Sieben Anwendungsfälle sieht die Initiative vor, die nach und nach ausgerollt werden. Der erste ist der digitale Hotel-Check-in, den die BWI als Pilot- und Technologiepartner des Bundeskanzleramts unterstützt hat. Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitales, hatte die Smartphone-App beim Go-live im Mai präsentiert und bekräftigt auf dem GovTech-Gipfel noch einmal die Dringlichkeit, digitale Identitäten weiter auszubauen. „Das Fehlen digitaler Nachweise ist eines der größten Digitalisierungshemmnisse unsere Zeit,“ mahnt sie. Sie sei stolz auf die Zusammenarbeit von Bundesregierung und Wirtschaft und ist sicher: „Wir werden die ersten eIDs noch in diesem Jahr auf ganz vielen Smartphones in Deutschland haben. Das ist wirklich ein Game Changer.“
 

„Wir müssen alle Kräfte im Föderalismus aufbringen, um gemeinsam an dem Ziel zu arbeiten, alle Verwaltungsleistungen bis Ende nächsten Jahres digital anzubieten.“

Dr. Markus Richter, Staatssekretär im Bundesinnenministerium und Beauftragter der Bundesregierung für Informationstechnik

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