Smart, digital, vernetzt – Die Bundeswehr-Liegenschaft der Zukunft

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Bundeswehr, Innovation

Mit sich ändernden politischen, technologischen, strategischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich auch Aufgaben und Struktur der deutschen Streitkräfte in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Und damit auch die IT-Strategie der Bundeswehr. IT-Systeme müssen heute unterschiedlichsten Anforderungen genügen: Sie müssen zugleich agil und resilient, verteilt und vernetzt, einfach und smart sein. Zu den Anforderungen der deutschen Streitkräfte gehört unter anderen auch die Fähigkeit, Einsätze auf Distanz führen oder IT-Services aus dem Inland heraus für den Einsatz erbringen zu können. Die digitale Transformation der Bundeswehr wirkt sich auch auf die Vernetzung und Anbindung von Liegenschaften aus. Erheblich sogar. Ebenso wie die technologische Entwicklung. Mit jeder Produktgeneration etwa werden die erzeugten und übertragenen Datenmengen größer. IT muss ständig online sein. Der weltweite Netzwerkverkehr soll in den kommenden fünf Jahren auf 163 Zettabyte (ZB) ansteigen. 2016 war es mit 16 ZB noch ein Zehntel davon.

Studie entwirft Big Picture

Die Infrastruktur von Bundeswehr-Liegenschaften muss diesen Anforderungen gerecht werden. Sonst findet Digitalisierung nicht statt. Der innerhalb des IT-Projekts HERKULES durchgeführte Netzausbau in den Liegenschaften genügt den heutigen Anforderungen aber nur noch teilweise. Deshalb beauftragte das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) die BWI mit der Kurzstudie „IT in der Liegenschaft der Zukunft“. Das Ziel: technologische und funktionale Treiber für die Entwicklung von Liegenschaften in den kommenden zehn Jahren zu identifizieren – intern wie extern. Die Studie sollte politische, technische und gesellschaftliche Treiber, ebenso wie Wechselwirkungen zwischen Ressourcen, Infrastrukturen und militärischen Bedarfen berücksichtigen.


Im Februar wurde sie vorgestellt. Das Ergebnis ist eine rund 90 Seiten starke ganzheitliche Sicht auf Liegenschaften, die IT-gestützte Wohn-, Arbeits- und Ausbildungskonzepte, Energiemanagement und flächendeckende Vernetzung von Gebäuden und Kommunikationstechnologien beinhaltet sowie Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zwischen unterschiedlichen Ressourcen, Infrastrukturen und Endgeräten betrachtet.

„In der Liegenschaft von morgen sind alle Prozesse von Anfang bis Ende digitalisiert und alle Sensoren und Aktoren durchgängig miteinander vernetzt.”

Tobias Orthey, IT-Architekt im Bereich Portfolio Planning & Strategy, BWI

Teppich mit IP-Adresse

Ein Beispiel aus der Studie für das Zusammenwachsen von Informations- und Gebäudetechnik ist das digitale Besuchermanagement. In der Liegenschaft der Zukunft werden Besucher*innen am Kasernentor biometrisch identifiziert und eingelassen. Das System ist mit der Groupware-Lösung der Bundeswehr verbunden. Es überprüft direkt, ob und mit wem Besucher einen Termin haben. Ein zeitaufwändiges manuelles Einlassverfahren entfällt. Das System erzeugt einen elektronischen Besucherausweis, der alle erforderlichen Daten und Zugangsrechte auf einem Radio-Frequency-Identification-Chip (RFID) speichert.
 

Fahrzeuge bleiben vor dem Kasernentor. Dank Mobility-as-a-Service-Lösung bringt ein autonomes Elektrofahrzeug Gäste vollautomatisch zum richtigen Gebäude. Durch Integration des Besuchermanagements in das Identity- und Access-Management sowie Schließsystem öffnet sich die Eingangstür eines Gebäudes mithilfe des elektronischen Besucherausweises kontaktlos. Ansprechpartner*innen werden vorab über das Eintreffen von Gästen über PC oder Smart Device informiert und holen sie persönlich ab. Ist der Besuch zu Ende, wird das dank RFID per Near Field Communication (NFC) am Besucherausweis quittiert. Sogenannte „luminous carpets“ zeigen den Weg zum Gebäudeausgang.

Resiliente, autarke Ökosysteme

Das Beispiel zeigt, dass die Liegenschaft der Zukunft einer Smart City gleicht, in der durch das Zusammenspiel moderner Informations- und Kommunikationstechnologien mit drahtlosen Sensornetzwerken Menschen-, Verkehrs-, Material- und Datenflüsse in Echtzeit gelenkt werden können. Skalierbare Infrastrukturen sind in der Lage, Kommunikation und IT-Services durch eine Notfallvernetzung bereitzustellen. Dadurch wird eine von IP-Netzen unabhängige Führungsfähigkeit möglich beziehungsweise kann im Notbetrieb ein „redundantes Netz“ aufrechterhalten werden. Und Dank intelligenter Micro Grids, also in sich geschlossener Stromnetze, die Energieverbraucher, -speicher und -erzeuger steuern, ist sie vollkommen autark und wesentlich effizienter. In der Vision der Studie wird die Liegenschaft zu einem resilienten Ökosystem mit Sensoren als Sinnesorganen, digitalen Kommunikationsnetzwerken als Nervenbahnen und KI-gestützten Systemen als Gehirn.

„IT und Infrastruktur müssen als Einheit betrachtet, geplant und betrieben werden, um das volle Potenzial auszuschöpfen.“

Tobias Orthey, IT-Architekt im Bereich Portfolio Planning & Strategy, BWI

Smart Work goes Bundeswehr

Die Möglichkeiten, die entstehen, wenn Gebäudetechnik und IT über intelligente „Building Automation Systems“ vernetzt und in Arbeitsplatzmanagementsystemen integriert werden, sind vielfältig. Ebenso wie die Anforderungen, die an die über 1.400 Liegenschaften der Bundeswehr gestellt werden: Arbeitsort, Wohnraum, Einsatzzentrale, Materiallager, Sportzentrum, Krankenhaus, Flugplatz oder Marinestützpunkt. Deshalb betrachtet die Studie, die Tobias Orthey, IT-Architekt im Bereich Portfolio Planning & Strategy bei der BWI, erstellt hat, ganz unterschiedliche Facetten – vom Einsatz, über Mobilität, bis zu Gesundheit und Smart Work.
 

Der intelligente Arbeitsplatz etwa ist eine IT-gestützte, flexible Arbeitswelt und keine festgelegte Bürozelle mit Desktop-PC mehr. Denn Arbeit wird immer mehr vom Ort der Leistungserbringung entkoppelt. Die COVID-19-Pandemie hat diese Entwicklung beschleunigt. Die Kombination von Digitalisierung und Smart Workplace ermöglicht neue Formen des agilen, kollaborativen Zusammenarbeitens in virtuellen Teams und eine dynamischere Bereitstellung von Ressourcen.

Von der Theorie in die Praxis

Nun geht es darum, die vielversprechendsten Konzepte zu realisieren. Das Innovation Management der BWI überführt die Theorie in die Praxis: Im Februar startete es gleich nach Veröffentlichung der Studie die erste Innovationskampagne in der BWI. Der Titel: „Hier will ich dienen! – Zusammen arbeiten und leben in der Liegenschaft der Zukunft“. Ein Team sammelte über 150 Ideen der BWI-Mitarbeiter*innen und traf gemeinsam mit ihnen eine Vorauswahl. Die besten zehn Einfälle haben die Ideengeber Anfang Juni der Geschäftsführung vorgestellt. Fünf Ideen gingen aus dem Pitch hervor, die nun in Form von Experimenten erprobt werden. Wie zum Beispiel ein Perimeterschutz, über den Außenzäunen mit Hilfe stationärer und mobiler Sensoren überwacht werden können, eine Mobility-as-a-Service-Lösung oder ein Smart Digital Badge für ein digitales Zugang- und Besuchermanagement. In den kommenden Monaten werden erste Ergebnisse vorliegen.
 

Die Studie war ein erster wichtiger Schritt. Sie skizziert das umfangreiche Digitalisierungspotential von Liegenschaften der Bundeswehr im In- und Ausland, liefert Impulse für aktuelle und künftige Projekte und dient als „Big Picture“ für anstehende Modernisierungsmaßnahmen.
 

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