Bundeswehr-Sporttests digital vorbereiten und durchführen – dank BwSmartFit-App

Redaktion BWI

Innovation, Bundeswehr

Atemlos erreicht der Gefreite Stefan die Wendepylone: Auch Runde fünfeinhalb ist geschafft. Hauptmann Constantin Wolter klickt auf den digitalen Stoppuhrknopf auf seinem Tablet und speichert die Zeit. 53 Sekunden – nicht schlecht und enorm wichtig: Immerhin muss der Soldat im Ernstfall ein hohes Tempo an den Tag legen können. Jede Sekunde kann über Leben und Tod entscheiden. Bevor es zum 1.000-Meter-Lauf auf die Tartanbahn geht, ist der Klimmhangtest an der Reckstange dran. Hauptmann Wolter wirft einen prüfenden Blick auf die Durchführungsbestimmungen in der App: Ah, zur Starthilfe soll der Kasten direkt unter der Stange stehen, er wird nach dem Startsignal entfernt. Wichtig: Das Kinn des Soldaten muss sich die ganze Zeit über der Reckstange befinden. Fünf Sekunden muss er die Position mindestens halten. Alles klar, denkt Hauptmann Wolter. Gefreiter Stefan begibt sich in die Beuge-Haltung: Es kann losgehen.

Das Beispielszenario zeigt, die Fitnesstests der Bundeswehr könnten in Zukunft komplett digital durchgeführt werden – dank einer App, die im Zuge eines Experiments zur „Liegenschaft der Zukunft“ gemeinsam von der Innovationseinheit BWI innoX, dem Fachbereich „ERP Projekte & Gesundheitsversorgung“ und der Sportschule der Bundeswehr entwickelt wurde. Das wäre ein Fortschritt, denn: „Aktuell bedeutet die händische Leistungserfassung in den Testverfahren zur Überprüfung der körperlichen Leistungsfähigkeit einen erhöhten Zeitaufwand. Die BwSmartFit-App digitalisiert diesen Prozess und kann der Testleitung auf diese Weise viele Arbeitsschritte abnehmen,“ so Oberleutnant und Sportwissenschaftlerin Isabelle Butzkamm, die seit 2017 als Ausbildungs- und Lehroffizier an der Sportschule der Bundeswehr tätig ist.

Zielführend und weniger aufwendig

Als ehemaliger Zugführer und Übungsleiter der Bundeswehr war Mit-Ideengeber Hauptmann Constantin Wolter selbst für die Abnahme der Tests bei den ihm unterstellten Soldat*innen verantwortlich. Ob die Namen der Testteilnehmer*innen, ihre Ergebnisse oder die daraus resultierende Note – alles hielt er händisch auf Papier fest. Mit Hilfe der BwSmartFit-App können der Basis-Fitness-Test (BFT) und nach seiner Einführung künftig auch das Soldaten-Grundfitness-Tool (SGT) direkt auf einem Tablet abgenommen werden. Zettel, Stift und Stoppuhr sind damit Geschichte. Außerdem leitet die App bei der korrekten Testdurchführung an und informiert, welches Zubehör erforderlich ist. 

Darüber hinaus übernimmt die BwSmartFit-App die Auswertung der Testergebnisse und zeigt sowohl die im Test erzielten Punkte als auch die daraus resultierende Note an. So können Vorgesetzte den Soldat*innen ihr Ergebnis unmittelbar nach Beendigung des Tests mitteilen. So schnell war das bisher nicht möglich.

Doch damit nicht genug: Je nach Ergebnis des Fitnesstests erhalten Zugführer*innen einen Vorschlag für einen Trainingsplan angezeigt, um ihre Kamerad*innen gezielter für den nächsten Test zu trainieren. Abrufbar sind Trainingspläne, die auf drei verschiedene Fitnesslevel zugeschnitten sind und Experten der Sportschule der Bundeswehr entwickelt haben. Je nach Trainingsziel und -level erhalten die Verantwortlichen Übungen angezeigt, mit denen sich ein passendes Training einfach organisieren lässt.

Geschlecht, Alter, Disziplin? – Egal! Schnell zum Testergebnis per App

Selbst das Eintragen der Testergebnisse in die Ausbildungspassdatenbank erleichtert die BwSmartFit-App. So können militärische Vorgesetzte die Ergebnisse in einheitlich aufgebaute Excel-Dateien exportieren und zur weiteren Verarbeitung beispielsweise an den Kompanietrupp weiterleiten. Die digitale Dokumentation spart Zeit und verhindert Fehler bei der Aufzeichnung.

Für Hauptman Constantin Wolter steht fest: „Die größte Herausforderung für die Zugführerinnen und Zugführer ist die Zeitnahme. Dafür benötigen sie normalerweise personelle Unterstützung, da der Test von mehreren Soldatinnen und Soldaten gleichzeitig durchgeführt wird. Daneben gilt es organisatorische Vorbereitungen zu treffen, wie zum Beispiel das eigene Wissen in puncto Durchführungsbestimmungen aufzufrischen. Auch das Erstellen der Listen, in denen die erbrachten Leistungen eingetragen werden, dauert.“ Den großen Vorteil der App sieht Hauptmann Wolter deshalb darin, dass das benötige Material, etwa Stoppuhr und Leistungsübersichten, sowie Durchführungsbestimmungen und Anleitungen zum Aufbau der Stationen komprimiert in einer App zur Verfügung stehen. Dadurch spart man Zeit und kann den Test allein durchführen.

Bundeswehr-spezifische Bedürfnisse im Blick

Der Prototyp der BwSmartFit-App ist genau auf die Bedürfnisse von militärischen Vorgesetzten bei der Bundeswehr zugeschnitten. Hauptmann Constantin Wolter: „Ich habe das Projekt von Beginn an begleitet und im Entwicklungsprozess die Rolle des Bedarfsträgers eingenommen. Hierbei habe ich die entsprechenden Anforderungen definiert und diese mit meinen BWI-Mitstreiterinnen und -Mitstreitern in einem wöchentlichen Jour fixe mit dem Ist-Zustand abgeglichen.“

Das Konzept ging auf. Bei einem Feldversuch im Rahmen eines Lehrgangs bei der Sportschule der Bundeswehr testeten 14 angehende Übungsleiter*innen die App im direkten Vergleich: Eine Gruppe führte den Test per Tablet durch, die andere händisch. „Das Feedback war durchgängig positiv, denn die Testdurchführung und das Auswerten waren deutlich schneller und einfacher per App,“ so BWI-Projektleiter André Röhrig.

„Das Feedback war durchgängig positiv, denn die Testdurchführung und das Auswerten waren deutlich schneller und einfacher per App.“

André Röhrig, BWI GmbH

Gute Perspektiven für den Prototypen

Die Chancen stehen gut, dass der App-Prototyp künftig bei der Bundeswehr tatsächlich zum Einsatz kommt. Nach dem erfolgreichen Feldversuch war die Sportschule der Bundeswehr so überzeugt von BwSmartFit, dass sie sich innerhalb der eigenen Reihen für die App einsetzte und diese Brigadegeneral Georg Klein, General Streitkräftegemeinsame Ausbildung, vorstellte. Auch Oberleutnant Isabelle Butzkamm weiß die Vorteile der App zu schätzen: „Durch die digitale Unterstützung der BwSmartFit-App wird der Trainerin und dem Trainer ein zusätzliches Mittel zur Trainingssteuerung an die Hand gegeben werden, mit dem ein systematisches und zielführendes Training sowie der individuelle Trainingsfortschritt überprüft werden kann.“ Sie lobt vor allem die einfache und intuitive Benutzerführung: „Die App hat mich auf den ersten Blick überzeugt.“

Mit der Entwicklung des Prototyps ist das Experiment erfolgreich abgeschlossen. Die BWI wird ihn der Sportschule der Bundeswehr perspektivisch zur Verfügung stellen, um Anregungen für mögliche Optimierungen zu erhalten. Der nächste Schritt, so Ideengeber und Product Owner Maximilian Gorski, sei eine langfristige Verstetigung des Projekts. Sobald die Bundeswehr die Umsetzung beauftragt hat, kann die BWI die App für den regulären Einsatz weiterentwickeln. Und vielleicht begleitet sie Zugführer wie einst Hauptmann Wolter und Soldaten wie Stefan schon beim nächsten Fitness-Test.

„Die App hat mich auf den ersten Blick überzeugt.“

Oberleutnant Isabelle Butzkamm

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