Koblenzer IT-Tagung: BWI Partner beim KI-Vorstoß der Bundeswehr

Intelligente Systeme verändern die gesamte Bundeswehr – von der Verwaltung bis zur Gefechtsführung. Welche Kompetenzen braucht es dafür heute? Und wie wirkt sich die Entwicklung auf die Ausrüstung der Streitkräfte aus? Darüber diskutierten die Teilnehmer der Koblenzer IT-Tagung 2019 am 5. September in der Rhein-Mosel-Halle. Der Anspruch der BWI: die Bundeswehr zur Nutzung künstlicher Intelligenz zu befähigen.

 

Wenn zentrale Prozesse der Streitkräfte intelligent werden, kommen auf den Menschen andere Aufgaben zu. Welche das sind, ist noch nicht präzise definiert. Klar scheint aber: Der künstlichen Intelligenz und insbesondere autonomen Systemen stehen weniger technische Hürden im Weg, vielmehr sind diverse ethische Fragen noch völlig offen. Unter diesem Grundgedanken stand die Koblenzer IT-Tagung 2019, wie jedes Jahr veranstaltet vom Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) und dem Anwenderforum für Fernmeldetechnik, Computer, Elektronik und Automatisierung (AFCEA) Bonn e.V. Das Motto: „Digitale Kompetenz und Konvergenz – im Zeitalter intelligenter Systeme“.

Generalleutnant Michael Vetter, Leiter der Abteilung Cyber/IT im Bundesministerium für Verteidigung (BMVg), hob in seiner Eröffnungsrede die Bedeutung der Digitalisierung für die Streitkräfte hervor. „Es geht um Informationsüberlegenheit.“ Man könne die neuen Prozesse aber nicht einfach verordnen – vielmehr müsse sich die Kultur der Bundeswehr verändern. „Es braucht mehr Kreativität und Agilität“, so Vetter. Und: „Wir müssen stärker auf die BWI als IT-Dienstleister setzen.“

 

Geschäftsführer der BWI inspiriert zu mehr Mut

Vor allem die „weißen“ Systeme der Bundeswehr sind durch die Erfolge der BWI zwar bereits modernisiert. Für den nächsten Schritt – hin zum sinnvollen Einsatz künstlicher Intelligenz – brauche es nun aber Konsequenz, Mut und Investitionen, so der CEO der BWI, Martin Kaloudis, vor über 500 Besuchern. Veränderungen gibt es in drei Bereichen: der Datenverarbeitung, der Automatisierung und dem Schaffen digitaler Prozesse.

„Die Datenverarbeitung ist keine Raketenwissenschaft, das machen wir seit Jahrzehnten“, so Kaloudis. Dennoch sei es entscheidend, überall die nötige Basisinfrastruktur bereitzustellen – beginnend bei der Umstellung von ISDN- auf IP-Anlagen über die Groupware-Einführung bis zum Ausbau zentraler Rechenzentren.

Automatisierung wiederum zielt darauf ab, analoge Prozesse durch „relativ“ innovative Prozesse abzulösen. Relativ, weil es nicht um das völlige Neuerfinden bewährter Strukturen geht. Technologien wie Blockchain könnten jedoch in spezifischen Bereichen sehr hilfreich sein, sagte Kaloudis. „Oder nehmen wir das Beispiel Chatbots. Bei der BWI können entsprechende Systeme den User Help Desk bei Anfragespitzen entlasten.“ So werden Probleme schneller gelöst.

Die neuen digitalen Prozesse erfordern besondere Weitsicht – gerade, weil sie so disruptiv sein können. „Eine Onlinebank kann klassische Bankarbeitsprozesse digital mit 70 Prozent weniger Personal abbilden“, nennt Kaloudis ein Beispiel. „Das autonome Fahren wiederum verändert die gesamte Transportindustrie. Wenn das flächendeckend umgesetzt ist, braucht es neue Geschäftsmodelle, bei denen Kunden beispielswiese für eine schnellere Route mehr zahlen.“

 

Digitale Disruption der Streitkräfte ist Realität

Solche Entwicklungen betreffen nicht nur die Zivilgesellschaft, sondern in besonderem Maße auch die Streitkräfte. „Denken Sie an autonome Systeme in Gefechtssituationen. Da stellen sich neue Fragen, beispielweise moralischer Natur, die noch nicht ausreichend beleuchtet wurden.“ Auch die Verwaltung müsse effizienter und effektiver werden – schon allein, um attraktiv zu werden für die dringend benötigten Talente am Arbeitsmarkt.

„Wenn wir von KI in den Streitkräften reden, steht die Bundeswehr natürlich nicht alleine da“, erinnerte Kaloudis. So investiere die US-Regierung allein 800 Millionen US-Dollar, um ein intelligentes System für die Simulation von Einsatzszenarien zu entwickeln. Südkorea stecke eine Milliarde US-Dollar in der KI-Grundlagenforschung nur in den Bereich Hirnforschung.

 

Mehr tun, um KI in der Bundeswehr zu verankern

Und Deutschland? Aus ursprünglich vorgesehenen drei Milliarden Euro sind mittlerweile 500 Millionen geworden – für den Zeitraum von 2020 bis 2023. Für Kaloudis „ein deutliches Signal, dass wir viel mehr machen müssen.“

Die BWI will die Bundeswehr für den Einsatz von künstlicher Intelligenz befähigen. Dafür sei es wichtig, auf die richtigen Themen zu setzen. Kaloudis sieht dabei eine zentrale Frage im Vordergrund: „Was müssen wir tun, um schnell einsatzfähig zu werden?“ Künftig will die BWI mit dem Cyber Innovation Hub beispielsweise stärker Innovationen nicht nur identifizieren, sondern zügig und bezahlbar in Betrieb nehmen.

 

Zwischen militärischer Relevanz und Verantwortung

Der Vortrag der BWI auf der Koblenzer IT-Tagung wurde flankiert von mehreren Diskussionspanels. Darin diskutierten unter anderem Vertreter von Heer, Marine und Luftwaffe die heutigen und künftigen Einsatzmöglichkeiten intelligenter Systeme im militärischen Kontext. Dass KI bei der Bundeswehr eine wesentliche Rolle wird spielen müssen, steht außer Frage. Aber in welchen Bereichen – und in welchen nicht?

Ein besonders streitbarer Punkt dabei: Sollten Waffensysteme überhaupt autonom entscheiden dürfen? Und wenn ja, nach welchen ethischen Richtlinien? „Redet man über KI im militärischen Zusammenhang, werden als erstes Horrorszenarien erwähnt – die der unkontrollierbaren Killerbots etwa“, so Brigadegeneral Gerald Funke. Er appellierte, die KI vielmehr als Chance zu betrachten. Dafür, durch mehr Informationen taktisch besser entscheiden zu können. Und die moralische Frage? „Verantwortung lässt sich nicht an eine Maschine delegieren. Rechenschaft ablegen – das wird auch künftig der Mensch.“

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