ALL-IP: Analoges Fernsprechnetz und ISDN sind Geschichte

Die Bundeswehr telefoniert nur noch über das Internet-Protokoll (IP). Mit dem Projekt „ALL-IP“ bereitet die BWI seit 2017 die Umstellung vom klassischen öffentlichen Fernsprechnetz, samt analoger Telefonie und ISDN, zur IP-Telefonie vor. Ende Juni erreichte sie einen Meilenstein in dem Projekt: Die lokale ISDN-Anbindung von Liegenschaften an das neue öffentliche Netz gibt es nicht mehr. Bis auf wenige Ausnahmen werden Amtsleitungen jetzt über das Weitverkehrsnetz der Bundeswehr (WANBw) und zentrale Netzübergänge aufgebaut.

Neue Services, technisches Neuland, europaweite Vergaben – das ALL-IP-Projektteam der BWI hatte in den vergangenen Jahren einige Hürden zu nehmen. Hinzu kam der Faktor Zeit. Seit Ende 2018 stellen Telekommunikationsanbieter analoge Telefonie und ISDN (Integriertes Sprach- und Datennetz) ein. „Schon früh war klar, dass die Ablösung des klassischen Fernsprechnetzes und die vollständige Umstellung auf IP, die Bundeswehr in hohem Maße betreffen würde“, erklärt Jens von Steinmetz, Serviceverantwortlicher bei der BWI. Seit 2011 stellt das Unternehmen die Telefonie der deutschen Streitkräfte auf Voice-over-IP (VoIP) um. Was beim Endgerät beginnt, setzt sich über Telekommunikationsanlagen fort und endet bei der Anbindung von Liegenschaften an das öffentliche Netz. Mit ALL-IP kam hinzu, dass die noch vorhandene ISDN-Technik innerhalb des Next Generation Network der Bundeswehr (NGNBw) früher als erwartet abgelöst werden musste.

Die Bundeswehr hatte den Technologiewechsel zu ALL-IP ab 2017 mit Unterstützung der BWI vorbereitet und in drei Auftragseinheiten eingeteilt: die Bereitstellung und den Betrieb eines zentralen und bis zu 50 dezentraler Netzübergange für die wichtigsten Standorte, eine virtuelle Telekommunikationsanlage zur Anbindung von Liegenschaften ohne Anschluss an das WANBw sowie die Umstellung von Service-Rufnummern und Einzelanschlüssen. „Am 30. Juni haben wir diese Auftragseinheiten wie geplant fertig gestellt“, freut sich BWI-Projektleiter Norbert Fink.

Ausfallsicher und hochverfügbar

Für die zentralen Übergange in das öffentlichen IP-Netz „NGN-Public“ gelten besondere Anforderungen: Ausfallsicherheit über georedundante Serverstandorte, unterbrechungsfreie Stromversorgung, Firewalls, Hochverfügbarkeit, eine 24/7-Überwachung und strenge Service Level Agreements. Zudem mussten 600 Liegenschaften auf einen neuen Carrier umgestellt werden. Das Team der BWI habe trotz hoher Anforderungen gute Arbeit geleistet. „So konnten Liegenschaften mit einem Volumen von über fünf Millionen Gesprächsminuten monatlich quasi ohne ‚Geräuschentwicklung‘ auf die zentralen Netzübergänge umgestellt werden“, sagt Oberstleutnant Jörg-Peter Thomé vom Auftrag gebenden Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw).

Eine besondere technische Herausforderung sei die Entwicklung einer neuen Notruflösung (Erreichbarkeit der Notrufnummern 110 und 112) gewesen. Im Gegensatz zu analogen Geräten benötigen IP-Telefone eine Stromversorgung. Was aber, wenn der Strom oder der Zugang zum Weitverkehrsnetz ausfällt? Dann bietet die BWI zwei Möglichkeiten: Entweder gibt es eine gesonderte analoge Leitung zu einem Notruftelefon oder der Anschluss wird über spezielle Router der Liegenschaft angebunden. Sie bieten den Notruf-Zugang nach außen und stellen gleichzeitig die interne Telefonie sicher.

Kleinstliegenschaften, Servicerufnummern und Einzelanschlüsse

Zudem stellte die BWI rund 100 Liegenschaften, wie beispielsweise Standortschießanlagen, die weder an das WANBw angebunden sind noch über Telekommunikationsanlagen verfügen, um. Dafür wurden Liegenschaften entweder auf das NGNBw migriert oder an die neue virtuelle Telekommunikationsanlage angeschlossen. Hinzu kam die Umstellung von etwa 50 Servicerufnummern der Bundeswehr auf einen neuen Carrier. Das sind überwiegend zentrale 0800-Nummern, die in einigen Fällen sogar zeitabhängig weitergeleitet werden müssen. Hierzu gehören Bürgertelefone, Search and Rescue oder Betreuung von Soldaten und Angehörigen.

Der dritte Schwerpunkt lag auf Einzelanschlüssen in das öffentliche Netz, über die beispielsweise Gebäudeleittechnik, Alarmanlagen und Aufzugstelefone angebunden werden. Zunächst bereinigte die BWI in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr die Einzelanschlüsse und reduzierte die Anzahl von etwa 2.500 auf rund 1.000 Einheiten. Die verbliebenen Anschlüsse wurden auf die neue IP-Technologie migriert. Und auch hier steckt die Tücke im Detail: Einige Systeme und Anlagen brauchen einen Takt, um sich mit ihren Gegenstellen synchronisieren zu können. Bisher wurde dieser Takt durch den Carrier über ISDN geliefert. IP-basiert passiert das nicht ohne weiteres. Es musste also eine neue Lösung entwickelt werden, die über das WANBw einen Takt liefern kann.

Ausblick

Etwa 100 konventionelle Telekommunikationsanlagen wird die BWI in den kommenden Monaten noch ersetzen und die entsprechenden Liegenschaften in das moderne IP-basierte Next Generation Network der Bundeswehr migrieren. Hinzu kommt der Refresh der NGN-Liegenschaften, unter anderem mit dem Austausch von über 100.000 VoIP-Telefonen.

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