Interview mit Oberst Hoffmann... BWI und Bundeswehr haben viel geleistet.

Bundeswehr, Unternehmen

Herr Oberst, was macht die Modernisierung der nichtmilitärischen Informationstechnik (IT) der Bundeswehr zur HERKULES-Aufgabe?

Dimension und Komplexität des Gesamtprojektes von HERKULES und SASPF, also die Erneuerung von Informationstechnik und die gleichzeitige Einführung von Standard-Anwendungs-Software-Produkt-Familien in der Bundeswehr, machen es zur sprichwörtlichen Herkules-Aufgabe: Es ist eben nicht „nur“ die flächendeckende und wirtschaftliche Modernisierung der Informations- und der Kommunikationstechnik der Bundeswehr in Deutschland, sondern auch deren Standardisierung und Konsolidierung mit Auswirkungen bis hin in die Einsatzgebiete. Dies beinhaltet im Wesentlichen die Errichtung einer leistungsstarken IT-Infrastruktur (z.B. 140 000 IT-Ausstattungen für Arbeitsplätze in etwa 1 350 Liegenschaften und drei Rechenzentren) und die Bereitstellung von Zentralen Diensten (Intranet, Lotus Notes, Zentraler Verzeichnisdienst u.a.). Außerdem sollen die etwa 370 Informationssysteme zur Unterstützung administrativer und logistischer Prozesse, die sogenannten Systeme in Nutzung (SinN) auf Anwendungen aus SASPF, also handelsübliche Produkte, umgestellt werden. Das Projekt ist darüber hinaus geprägt von der vergleichsweise kurzfristigen Zusammenführung von Mitarbeitern der Industriepartner Siemens und IBM mit den Kollegen und Kameraden von der Bundeswehr in das gemeinsame Unternehmen BWI Informationstechnik GmbH, das eigens für diesen Zweck im Jahr 2006 gegründet wurde. Während mit dem IT-Projekt HERKULES ursprünglich beabsichtigt war, die sogenannte „weiße Informationstechnik“ zu erneuern, umfasst unser heutiges Aufgabenspektrum das IT-System der Bundeswehr ohne absolute Beschränkung auf den „Grundbetrieb“ und ohne definitive Begrenzung auf „Heimatland“. Im Ergebnis ist längst ein nach außen hin „weißes“ IT-System entstanden, dass jedoch von „grünen“, also militärischen Informationen durchflutet wird. HERKULES erbringt somit wesentliche Leistungen auch für die Führungsunterstützung der Streitkräfte im Einsatz und hat operative Bedeutung. Immer wieder ist zu verdeutlichen, dass HERKULES, SASPF und SinN gemeinsam sowohl der Wirksamkeit als auch der Wirtschaftlichkeit der Bundeswehr dienen; zusammen sollen sie für die Bundeswehr als Ganzes drei Ziele erfüllen: Die IT im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) grundlegend modernisieren, die administrativen und logistischen Abläufe und Verfahren aller Organisationsbereiche ganzheitlich optimieren und damit die Geschäftsprozesse in Ministerium, Streitkräften und Wehrverwaltung insgesamt effizienter gestalten. HERKULES, SASPF und SinN sind in diesem Verständnis integrale Bestandteile eines logischen, physikalischen und wirtschaftlichen Wirkverbundes: HERKULES soll mit seinen Infrastrukturen die Voraussetzungen für die Realisierung von SASPF erbringen. SASPF wird mit der Integration von Softwareprodukten die Voraussetzungen für die Ablösung von SinN schaffen. Und erst die möglichst umfassende Ablösung der SinN erlaubt schließlich nachhaltige Einsparungen bei laufenden und zugleich ständig steigenden Betriebsausgaben.

 

HERKULES ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Bundeswehr, Siemens und IBM. Inwiefern profitiert die Bundeswehr von den industriellen Partnern?

In einer Öffentlich-Privaten Partnerschaft profitieren beide strategische Partner immer dann, wenn ihre Bereitschaft und ihre Fähigkeit zum Tragen kommen, das jeweils Beste von jeder Seite einzubringen und frei von Vorbehalten auszuschöpfen. Mir ist es sehr wichtig, klar herauszustellen, dass sich die Bundeswehr nicht nur mit 49,9% Sachanlagevermögen in das gemeinsame Projekt eingebracht hat, sondern insbesondere mit dem Wertvollsten, was sie hat: Ihr eigenes Personal – von der früheren Fernmeldebetriebskraft einer Standortvermittlung bis hin zum ehemaligen IT-Direktor im Bundesministerium der Verteidigung. Nur damit – durch Integration von Arbeitnehmern, Beamten und Soldaten der Bundeswehr – konnte es der BWI gelingen, die von der Privatwirtschaft abweichenden Rahmenbedingungen, Zielvorstellungen und Arbeitsweisen von Ministerium, Streitkräften und Wehrverwaltung zu verstehen, um bedarfsgerechte Lösungen für alle Organisationsbereiche zu ermöglichen. Die Bundeswehr hatte bis zur Realisierung des Projektes HERKULES ihre Fähigkeiten auf dem Gebiet der IT häufig nach den unterschiedlichen Forderungen der verschiedenen Organisationsbereiche ausgeprägt – mit vielen Nachteilen für Interoperabilität und Effizienz. Mit dem neuen und ressortweiten Ansatz werden Bundeswehr und BWI industrielle Standards überall dort kontinuierlich einführen und konsequent nutzen, wo bisher hochspezielle Produkte eingesetzt und komplexe und individuelle Prozesse angewendet wurden. Einen Vorteil unserer Zusammenarbeit sehe ich in der Agilität und Flexibilität der BWI, gekennzeichnet von schnell wirksamen Entscheidungen ohne langwierige Mitprüfungen.

 

Das IT-Projekt HERKULES wird bisweilen in den Medien skeptisch  betrachtet. Wie haben sich die Modernisierungsmaßnahmen der BWI auf die IT-Ausstattung in der Bundeswehr ausgewirkt?

Die konzentrierte Betrachtung ist nicht auf die Medien begrenzt – neben der Presse verfolgt auch die Politik die Entwicklung von HERKULES und SASPF mit beständiger Aufmerksamkeit. Dabei wird die konkrete Einschätzung dieses bislang in Quantität und Qualität weltweit einzigartigen Projektes sehr stark beeinflusst von pauschalen und häufig ungerechtfertigten Bewertungen anderer Vorhaben der „Rüstung“ (teurer, später, schlechter), wie sie auch im Bericht der Strukturkommission der Bundeswehr zum Ausdruck gekommen sind. HERKULES wird – auch heute noch – oftmals gemessen an überzogenen Ansprüchen und Versprechungen, die „blühende IT-Landschaften“ erwarten ließen. Aber schon die erste Befragung von PC-Anwendern und Dienststellenleitern zur „Nutzerzufriedenheit HERKULES/BWI“ hatte uns gezeigt, dass die Leistungen gut angenommen werden, aber dennoch Optimierungsbedarf besteht. Wir haben darauf reagiert, um beim Kunden eine höhere Zufriedenheit zu erreichen. Eine jüngst durchgeführte Folgebefragung brachte als Ergebnis eine höhere Zufriedenheit bei unseren Nutzern und spiegelt unsere Bemühungen wider. Neben den nicht sichtbaren und - so wie „Strom aus der Steckdose“ - als Selbstverständlichkeit wahrgenommenen Leistungen, etwa dem Betrieb von Rechenzentren und der Nutzung von Telefonie, sind deshalb der optimierte Ausbau der IT-Leitungsnetze in den Liegenschaften und die professionelle Auslieferung der IT-Ausstattungen, vor allem Arbeitsplatzcomputer (APC) in den Dienststellen und Truppenteilen, entscheidende Voraussetzungen dafür, dass der einzelne Mitarbeiter aus persönlicher Erfahrung die Leistungsfähigkeit seines neuen IT-Arbeitsplatzes vor Ort und im Verbund erleben kann: Mit jedem erfolgreich durchführten APC-Rollout wird die Zufriedenheit zu- und die Kritik abnehmen. Einer der wesentlichen Gründe für den verzögerten Ausbau der IT-Strukturen liegt in den Problemen bei der Ertüchtigung der Liegenschaften - wie wir es nennen. Wir bezeichnen damit die Erneuerung der Liegenschaftsnetze. Erst durch ein neues technisches Konzept und unsere enge Begleitung der Planungs­maßnahmen vor Ort konnten in letzter Zeit wesentliche Fortschritte erzielt werden.

 

Sind Sie bzw. ist die Bundeswehr mit dem Projektfortschritt zufrieden?

Mit dem Fortschritt von HERKULES bin ich als Projektleiter nur dann zufrieden, wenn der „Kunde Bundeswehr“ zufrieden ist. Gemessen und bewertet wird das Erreichte stets erst am Ende des Weges, weniger von mir als vielmehr von den PC-Anwendern bzw. Endnutzern sowie durch die Dienststellen und Truppenteile in der Fläche. Die BWI hat - das ist innerhalb der Bundeswehr voll anerkannt - bisher viel geleistet: Übernahme uneingeschränkter Betriebsverantwortung, Aufbau und Betrieb von Weitbereichsnetz und lokalen Netzwerken, von Betriebskompetenzzentren und Service Centern sowie von User Help Desks und Auskunfts- und Vermittlungsdiensten, um nur eine Auswahl von Beispielen zu nennen. Die Leistungen können nicht hoch genug geschätzt werden. Der Bundeswehr werden damit erstmals zentral wesentliche Grundleistungen zur Verfügung gestellt. Der einzelne Mitarbeiter interessiert sich nicht dafür, wieso das eine nicht funktioniert oder weshalb das andere vertraglich nicht vereinbart wurde. Sein Anspruch lautet mit Recht: Ich muss arbeiten, ich brauche eine gut funktionierende IT! Auftraggeber Bundeswehr und Auftragnehmer BWI verstehen sich als gemeinsamer Dienstleister für den gemeinsamen Geschäftskunden. Oder anders gesagt: Wir haben nur einen einzigen Kunden, und er ist unser Wichtigster.

 

Was bedeutet die angespannte Haushaltslage für weitere IT-Modernisierungs-maßnahmen in der Bundeswehr?

Mit der Entscheidung der Bundesregierung, die verfassungsrechtlich vorgegebene Schuldenbremse anzuziehen, wurde das BMVg bereits im vergangenen Jahr verpflichtet, innerhalb der nächsten vier Jahre zur Konsolidierung des Bundeshaushaltes beizutragen. „Vom Einsatz her denken“ bedeutet immer auch „zum Einsatz hin handeln“, und hierfür benötigte Ressourcen verfügbar zu machen. Zwingend erforderlich ist, was finanziell auch leistbar ist. Was für die gesamte Bundeswehr gilt, wird auch für das IT-Projekt HERKULES gelten. Die absehbaren Entscheidungen zu Struktur, Stärke und Stationierung der Bundeswehr werden Vorgaben für die quantitative Ausgestaltung auch dieses Projektes, vor allem für die Ermittlung bedarfsgerechter Mengengerüste liefern. Andere, insbesondere qualitative Parameter sind davon unabhängige Stellgrößen. Im Rahmen der „Neugestaltung der Bundeswehr“ werden sich vor allem die Teilstreitkräfte in einigen Teilen umorientieren müssen; das ist allenthalben völlig klar. Noch nicht wirklich im gemeinsamen Bewusstsein der Bundeswehr angekommen ist, dass mit der bereits getroffenen Entscheidung zur Rückführung des IT-Projektes HERKULES auf den ursprünglichen Finanzrahmen alle Organisationsbereiche Einschränkungen hinnehmen müssen. Bei der Entwicklung des „Neuen Lösungsmodells HERKULES“, dem Realisierungsvorschlag zur Rückführung auf den ursprünglichen Finanzrahmen, haben wir in enger Abstimmung mit den Organisationsbereichen der Bundeswehr einerseits und den Fachleuten der BWI andererseits unser Bestmöglichstes getan, um die hinzunehmenden Folgen so gering wie möglich zu halten. BWI und Bundeswehr stehen damit vor einer weiteren „HERKULES-Aufgabe“: Unser gemeinsames IT-Projekt mit kritischem Blick auf Risiken entschlossen fortzusetzen und für die immer wieder aufkommenden komplexen Probleme so gut, so oft und so schnell wie möglich pragmatische Lösungen für die Nutzer des IT-Systems der Bundeswehr zu schaffen.

 

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