„Wer nicht digitalisiert, verliert“ – Zweites Konvent zur digitalen Konvergenz

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Bundeswehr, Unternehmen

Die Welt vernetzt sich immer mehr und immer rasanter. Technologische Entwicklungen und veränderte Bedarfe erfordern eine digitale Konvergenz, also die Annäherung von Kundennutzen und Portfolio sowie bisher getrennter Bereiche. Auch in der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie wachsen klassischer Rüstungsbereich und Informationstechnologie zusammen. Auf den daraus entstehenden Innovations- und Synergiepotenzialen sowie Herausforderungen lag der Fokus des zweiten Konvents zur digitalen Konvergenz in der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.

Hierzu hatten der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) e. V. und das Anwenderforum für Fernmeldetechnik, Computer, Elektronik und Automatisierung (AFCEA) Bonn e. V. in dieser Woche eingeladen. Bedrohungsszenarien, die es erfordern, dass Sicherheitsbehörden und -organe konvergieren, neue Anforderungen an die Kooperation zwischen Politik und Industrie, digitale Souveränität und ihr wesentlicher Aspekt „vertrauenswürdige IT“ bildeten neben Wertschöpfung und Innovationspotenzialen die inhaltlichen Schwerpunkte.

Neue Chancen und Fähigkeiten durch Digitalisierung

Generalleutnant Michael Vetter, Chief Information Officer (CIO) und Abteilungsleiter Cyber- und Informationstechnik (CIT) im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg), eröffnete das Konvent. In seiner Keynote gab er einen Überblick über die digitale Transformation der Bundeswehr und die Bedeutung digitaler Souveränität und der Resilienz gegenüber hybriden Bedrohungen.

Digitalisierung sei kein Mega-Trend und kein Zukunftsthema für die Bundeswehr. Sie finde längst statt und verändere zunehmend den Alltag der deutschen Streitkräfte. Für Vetter eröffne sie Chancen und Fähigkeiten, sowohl physisch als auch virtuell. Dabei gehe es nicht um schicke Gadgets, sondern etwa um Tools zur Datenauswertung, die es ermöglichen, die Komplexität der heutigen Informationsdichte zu bewältigen. Und es gehe um digitale Fähigkeiten, die die Bundeswehr in die Lage versetzen, einen Einsatz der Zukunft erfolgreich zu bestehen. Denn heutige Bedrohungslagen seien vor allem durch die Manipulation von Hard- und Software, die Frage sicherer Lieferketten und die Ausnutzung von Schwachstellen in bestehenden Datensystemen geprägt.

„Wir sind gefordert, die Chancen und Potenziale der Digitalisierung zu nutzen und dabei einen klaren Blick auf die Gefährdungen und Risiken zu behalten.“

Generalleutnant Michael Vetter, Abteilungsleiter CIT und CIO im BMVg

Selbstbestimmtes Handeln und digitale Souveränität

Digitale Souveränität bezeichnete Vetter dabei als eine der Herausforderungen digitaler Konvergenz. Für das BMVg geht es um die „erforderlichen Kontroll- und Handlungsmöglichkeiten im Cyber- und Informationsraum, um den verfassungsgemäßen Auftrag erfüllen zu können.“ – selbstbestimmt und frei von ungewollter Einflussnahme Dritter. Die Bundeswehr leite daraus fünf Handlungslinien ab: die Nutzung vertrauenswürdiger IT und sicherheitsrelevanter Anwendungen, den Aufbau und Erhalt nationaler Schlüsseltechnologien, die Steigerung der Innovationsfähigkeit, die Ausprägung digitaler Kompetenzen und den Erhalt der Kernführungsfähigkeit der Streitkräfte.

Gefährdung aus dem Cyber- und Informationsraum

An die Herausforderung zunehmend hybrider Konfliktszenarien knüpfte Dr. Fahrner, Bundesnachrichtendienst (BND), in seinem Impulsvortrag an. Cyber-Kriminelle täuschen inzwischen täglich problemlos User-Aktivitäten vor, clustern Internetnutzer und verschicken maßgeschneiderte, personifizierte Nachrichten. Im Zeitalter von Desinformationskampagnen gehe es um das „winning without fighting“. Entscheidend sei, wer wie schnell auf dem Informationsmarkt reagiert.

Eine der größten Herausforderungen für den BND als Nachrichtendienst ist in dem Zusammenhang laut Fahrner künstliche Intelligenz. Zudem werde das „Spielfeld Cyberkrieg“, an dem staatliche und nicht-staatliche Akteure beteiligt sind, immer diffuser. Und dieser Informationskrieg sei dauerhaft. Umso wichtiger sei es, öffentliches Bewusstsein zu schaffen. Denn das ist der „Tod jeder Desinformation“.

Vertrauenswürdige IT, Innovationskraft und ethische Standards

Digitale Bildgebung, KI, Robotik, Telemedizin – im Gesundheitswesen der Bundeswehr sei man weit, sagte Generalarzt Dr. Michael Zallet, Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr. Es gebe allerdings noch einiges zu tun: „Wir sind dankbar, dass sich die BWI der Herausforderung annimmt, unser Gesundheitsmanagement zu digitalisieren“, betonte Zallet.

Eine „Hausaufgabe“ der Digitalisierung sind für Generalleutnant Dr. Ansgar Rieks, stellvertretender Inspekteur Luftwaffe, ethische Standards. Digitalisierung solle den Menschen unterstützen. Er bleibe in seiner Verantwortung die entscheidende Größe.

Martin Kaloudis, Chief Executive Officer der BWI, der auf die Rolle der BWI bei der Digitalisierung der Bundeswehr einging, kommt es vor allem auf drei Elemente an: Technologien und Betrieb so sicher wie möglich zu machen, die Innovationsfähigkeit zu stärken und Vertrauen in IT aufzubauen. Beim Einsatz vertrauenswürdiger Technologien und einem sicheren Betrieb sei dabei für die BWI auch der Aufbau eigener Kompetenz wichtig. Neben proprietärer IT gelte es, zunehmend offene, moderne Hard- und Softwarekomponenten einzusetzen, die kontrollierbar sind und Raum für Innovation bieten. In den Wertschöpfungsstufen „Plan und Control“ sowie „Betrieb“ setze die BWI vor allem auf eigenes Personal.

Ein weiterer Schlüssel sei es, die eigene Innovationsfähigkeit weiter zu stärken. Seit Jahresbeginn ist der Cyber Innovation Hub integraler Bestandteil der BWI. Bei der organisatorischen Ausrichtung werde das Unternehmen noch mehr auf agile Strukturen setzen. „Damit wir schneller werden“, sagte Martin Kaloudis. Wichtig hierbei ist für ihn eine gute Verzahnung von agilem Vorgehen und dem Customer Product Management der Bundeswehr.

„Es muss uns gelingen, mit Vertrauen Systemarchitekturen zu planen, zu bauen und zu betreiben, die uns jederzeit sicher sein lassen, dass wir uns sicher sein können.“

Martin Kaloudis, Chief Executive Officer BWI

Den Dialog intensivieren

Aus Sicht von Industrievertretern wie Florian Breger, IBM Deutschland, oder Andrea Bugar, Airbus Defence & Space, komme es ebenfalls auf Vertrauen an, und darum, überzeugende Produkte zu liefern, um die erforderlichen Mittel zur Verteidigungs- und Abwehrfähigkeit sicherstellen zu können. Zudem müsse der Dialog zwischen Politik, Industrie und Forschung intensiviert, Prozesse verkürzt und die Industrie frühzeitig an Entwicklungen und der weiteren Ausformulierung digitaler Schlüsseltechnologien beteiligen werden.

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