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Visual Data Analytics: Sehen, was wichtig ist

Redaktion BWI

Innovation

Wie lassen sich aus einem Datenwust konkrete Informationen gewinnen? Diese Herausforderung kennt auch Dr. Bernd Beuermann. Für den Oberstarzt beim Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr ist der Überblick über die Personallage im Sanitätsdienst unter anderem grundlegend für die Einsatzplanung. Doch diese mitunter äußerst wichtigen Informationen liegen in Dienstplänen, unzähligen Excel-Listen und verschiedenen Systemen versteckt.

Wenn Dr. Beuermann zum Beispiel wissen möchte, welche Soldat*innen auf Fortbildungen sind oder wo aktuell Fachärzt*innen gebraucht werden, muss er jeweils eine individuelle Anfrage stellen. Seine Kamerad*innen im Personalmanagement bereiten die Informationen dann händisch aus Word- und Excel-Dateien auf. Das dauert und ist aufwendig. Hinzu kommt: Die täglichen Anfragen an das Personalmanagement sind vielfältig und komplex – von der kurzfristigen Einsatzplanung bis hin zur langfristigen Organisation.

Wissen ist mehr als die Summe aller Daten

Das Personalmanagement gibt derzeit statische Reports aus. Sie werden für jede Anfrage neu und teilweise individuell zusammengestellt. Weil zudem jeder Bereich für unterschiedliche Daten und verschiedene Anwendungsfälle zuständig ist, gibt es keinen „Single Point of Truth“. Das heißt: Eine Personallage, die Dr. Beuermann vormittags in einem Bereich abfragt, kann mittags auf Abfrage einer Kameradin ganz anders aussehen. Ab diesem Moment zirkulieren zwei verschiedene Reports, die unterschiedliche Informationen beinhalten.

„Die unübersichtlichen, aus verschiedenen Quellen stammenden und nicht selten aus den meldenden Bereichen zeitversetzt eintreffenden Daten stellen eine Herausforderung dar,“ so Dr. Beuermann und führt weiter aus: „Sie müssen mit hohem manuellen Aufwand aufbereitet werden. In der Gesundheitsversorgung der Bundeswehr ist es aber entscheidend, einen schnellen, umfassenden und vor allem verlässlichen Überblick über die Daten zu bekommen, um die richtigen Informationen ableiten bzw. Schlussfolgerungen ziehen zu können. Dies zeigt sich insbesondere in Zeiten von Krisen mit nationaler Tragweite, wie der Corona-Pandemie.“

Die Lösung dafür bietet eine Datenvisualisierungssoftware, speziell für die Anwendung bei der Personalplanung im Sanitätsdienst. Ein interdisziplinäres Team der BWI, des Kommandos Sanitätsdienst der Bundeswehr und des Fraunhofer-Instituts für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie (FKIE) hat in dem gemeinsamen Innovationsexperiment „Visual Data Analytics“ (VDA) ein bestehendes Tool für diese Aufgabe weiterentwickelt. Mit dem „Interaktiven Visualisierungs-Dashboard“ (IViD) erstellt das FKIE für die Bundeswehr bereits Ausrüstungslagen und Lagebilder zu Forschungsaktivitäten. Das generische Framework des IViD ist ein Programmiergerüst, das für zahlreiche Anwendungsfälle und vielfältige Visualisierungstypen angepasst werden kann. So kann es zum Beispiel mit Machine Learning und statistischen Auswertungen erweitert werden. Kurz: Es ist die ideale Basis für das gemeinsame Innovationsexperiment.

Technologie für Menschen

VDA nutzt die menschliche Fähigkeit, Muster und Trends in Sekundenschnelle visuell zu erfassen und verbindet sie mit den Stärken der automatischen Datenanalyse. Mit einem Klick visualisiert das Tool Reports mit interaktiven Grafiken und der Möglichkeit, in der Datenansicht zu navigieren. So entstehen realitätsnahe dynamische Lagebilder für das Personalmanagement, die ansonsten mit erheblichem Aufwand aus den rohen Daten ausgelesen werden müssten. Nutzer*innen mit entsprechenden Zugriffsrechten können die Reports ganz einfach als PowerPoint-Datei und in anderen Formaten herunterladen.

IViD verwandelt anonymisierte Personaldaten des Sanitätsdienstes in nutzbares Wissen: Es stellt zum Beispiel in einer interaktiven Deutschlandkarte dar, wie viele Notfallsanitäter*innen sich derzeit wo in der Ausbildung befinden und wann sie qualifikationsgerecht eingesetzt werden können. So erkennen Dr. Beuermann und seine Kamerad*innen künftig auf einen Blick, wie viele Soldat*innen des Sanitätsdienstes mit bestimmten Qualifikationen wo im Einsatz sind und in welchen Bereichen mehr Unterstützung gebraucht wird.

Für Dr. Beuermann steht fest: „Das Experiment IViD eignet sich aus Sicht des Kommandos Sanitätsdienst der Bundeswehr sehr gut für die Datenvisualisierung im Personalmanagement mit seinem breiten Aufgabenportfolio. Dazu zählen beispielsweise Regenerationsplanungen, Einsatzplanungen oder die Anwärterbetreuung. Dank des Experiments konnte so mancher Mitarbeiter von der Datenvisualisierung mit dem IViD überzeugt werden. Wir hoffen, dass das Framework zeitnah als Service zur Verfügung gestellt werden kann – und freuen uns auf die weitere Arbeit mit dem IViD: Denn es gibt noch viel zu entdecken.“

Auf einen Blick sehen, was wichtig ist: Im Dashboard werden alle relevanten Daten angezeigt. © BWI GmbH

BWI und FKIE – eine Partnerschaft mit Perspektive

Die Idee für das Experiment geht auf die Zusammenarbeit der BWI und des FKIE zurück: Im Januar 2020 lud man Martin Kaloudis, CEO der BWI, ein, Mitglied im FKIE-Kuratorium zu werden. Im Rahmen der Partnerschaft identifizierten FKIE und BWI „Visual Data Analytics“ als ein zentrales Kompetenzfeld für gemeinsame Projekte.

Die FKIE-Abteilung „Mensch-Maschine-Systeme“ um Forschungsgruppenleiter Dr. Carsten Winkelholz untersucht bereits seit längerem, wie Datenvisualisierung für die Bundeswehr hohe Flexibilität mit intuitiver Bedienbarkeit vereinbaren kann. Es geht um mehr als Balkendiagramme: Datenvisualisierung schafft Übersicht, zeigt Strukturen auf und legt Zusammenhänge offen.

Wie das konkret aussehen kann, hat das Projektteam mit der Anwendung des IViD-Frameworks für sieben konkrete Fälle gezeigt. Dabei handelt es sich um Datensätze, mit denen Personalmanager des Kommandos Sanitätsdienst täglich arbeiten. In Zusammenarbeit mit den Fachabteilungen BI und Data Analytics der BWI arbeitete das Experiment-Team an den Anwendungsszenarien.

Für diese sieben Szenarien im Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr funktionierte das Tool im Experiment hervorragend. Das Experiment konnte sogar sinnvolle Erweiterungen aufzeigen, beispielsweise durch Filterfunktionen und Zeithistogramme.

Zwischenfazit: VDA kann die Arbeit vieler Menschen enorm erleichtern. Aktuell wird geprüft, welche Möglichkeiten vorhanden sind, um dem BWI-Kunden Bundeswehr eine intuitive Visualisierung basierend auf automatisierter Datenanalyse zu ermöglichen. Eines steht fest: Der Bedarf nach Tools, die Klarheit im stetig wachsenden Datenstrom schaffen, ist groß – bei Dr. Bernd Beuermann und seinen Kamerad*innen genauso wie in zahlreichen weiteren Bereichen der Bundeswehr.

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