USA und Israel: Militär, Start-up-Szene und die Digitalisierung

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Redaktion BWI

Innovation, Bundeswehr

Die Streitkräfte der USA sind dimensionsübergreifend die schlagkräftigsten der Welt. Die israelische Armee gilt als die modernste im Nahen Osten. Beiden gemein ist ihre enge Verzahnung mit Innovationslaboren, Technologieunternehmen und Hightech-Start-ups.

Um kommerzielle Technologien schneller für das Militär nutzbar zu machen, gründete das US-Verteidigungsministerium 2015 die Defense Innovation Unit (DIU) mit Sitz in San Francisco. Ihre Aufgabe ist es, durch Kooperation mit Start-Ups und der digitalen Wirtschaft, die Innovationsfähigkeit des US-Militärs zu erhöhen. Die Investitionen fließen unter anderem in die Entwicklung KI-basierter sowie autonomer Systeme. Ash Carter, damaliger US-Verteidigungsminister, rückte bei Gründung der DIU die Notwendigkeit in den Vordergrund, sich eine „Innovationskultur zu eigen zu machen“.

KI und Cloud

Zu den Kerntechnologien gehören für das amerikanische Verteidigungsministerium für die Digitalisierung ihres Militärs vor allem KI und Cloud. Ziel ist es, mit ihrer Hilfe militärische Operationen zu optimieren, effizientere Command- und Control-Prozesse zu ermöglichen. Dabei kommt es zunehmend darauf an, Informationen schnell und gezielt zu sammeln, zu verarbeiten und den Kräften zur Verfügung zu stellen. Denn in Gefechtsszenarien der Zukunft komme es auf schnelle Reaktionen an. Die traditionelle Befehlskette funktioniere nicht mehr, sagt Lieutenant General Jack Shanahan. Er ist Direktor des Joint Artificial Intelligence Center (JAIC), dem Kompetenzzentrums des Pentagon für Künstliche Intelligenz (KI).

Ihr kommt bei der Digitalisierung landbasierter Operationen neben dem Cloud Computing eine besondere technologische Bedeutung zu. Mit dem Projekt „Joint Enterprise Defense Infrastructure“, kurz JEDI, soll beispielsweise für die US-Streitkräfte in Zusammenarbeit mit Microsoft und Oracle eine Cloud-Infrastruktur entwickelt werden.

„In 20 Jahren kämpfen Algorithmen gegeneinander.“

Lieutenant General Jack Shanahan, Direktor des Joint Artificial Intelligence Center

Augmented Reality für die US-Armee

Ein Beispiel für die Ausrüstung von Landstreitkräften mit digitaler Technologie aus dem zivilen Sektor ist die Augmented-Reality-Brille der US-Armee. Technische Basis ist das Mixed-Reality-System „HoloLens 2“ von Microsoft. Bis 2021 sollen US-Einheiten mit etwa 100.000 dieser AR-Brillen ausgestattet werden. Integrated Visual Augmentation System (IVAS) heißt das von Videospielen inspirierte System. Eine durchsichtige Farb-Digitalanzeige erlaubt es dem Nutzer auf gefechtsfeldrelevante Informationen zuzugreifen. Augmented-Reality-Funktionen, wie etwa das Echtzeit-Mapping, liefern Angaben zum eigenen Standort sowie dem eigener, verbündeter und feindlicher Kräfte. Zielerfassung und -identifikation sollen den Nutzer unterstützen, Leistungs- und Blickprotokolle sowie die Messung der Herzfrequenz sollen wichtige Informationen über die eigenen Einheiten liefern. US-Armee und Industriepartner testen das System gemeinsam mit Soldatinnen und Soldaten verschiedener Einheiten. Dahinter steht das Konzept „Soldier Centered Design“, das auch in der Bundeswehr Anwendung findet. Das heißt, Ausgangspunkt für Entwicklung und Bewertung neuer Technologien ist der Soldat beziehungsweise Nutzer.

Digitalstrategie der Israelischen Armee

Auch Israel entwickelt unentwegt militärstrategische Ideen und Technologien. Führend dabei ist die Eliteeinheit 8200. In Israel ist der Wehrdienst für alle – Männer wie Frauen – verpflichtend. Die klügsten Köpfe werden der Unit 8200 zugeteilt. Diese Einheit ist unter anderem für die Fernmelde- und elektronische Aufklärung zuständig. Dank dieser Einheit und ihren Verbindungen zur florierenden Start-up-Szene – in Israel kommt auf 1.300 Einwohner ein Start-up – kann das Land einen hohen Digitalisierungsgrad seines Militärs vorweisen. Die bekannteste Entwicklung ist der sogenannte „Iron Dome“. Das mobile Raketenabwehrsystem soll die Bevölkerung vor ballistischen Flugkörpern mit einer Reichweite von fünf bis siebzig Kilometern schützen. Laut israelischen Verteidigungsstreitkräften hält es neunzig Prozent aller Angriffe erfolgreich ab.

Um den Bedrohungen von morgen zu begegnen, haben die Israel Defence Forces (IDF) für ihre Digitalisierungsstrategie vier Schwerpunktthemen identifiziert. Erstens: die Cloud zum Datenspeicher Nummer eins machen. Zweitens: Big-Data-Lösungen forcieren, um Informationen besser zu sammeln, auszuwerten und damit schneller und detaillierter nutzbar zu machen. Drittens: KI, Robotik und generell das Internet of Military Things fördern, um eine bruchlose Vernetzung von Datenbanken, Geräten und Streitkräften zu ermöglichen. Und viertens: eine lückenlos vernetzte IT-Infrastruktur für alle Operationen gewährleisten. An der Umsetzung dieser Strategie arbeiten die israelischen Streitkräfte unter Hochdruck.

„Du musst dem Hacker voraus sein. Was wird er erfinden, um dir zu schaden? Wie kannst du das verhindern? Die Atmosphäre in der Armee gleicht einem Start-up.“

Yair Cohen, ehemaliger Kommandeur der israelischen Eliteeinheit 8200

Die Hack Labs von Tel Aviv

Das israelische Militär treibt mit seinen Bedarfen den Technologieboom voran. Daher ist es nicht verwunderlich, dass viele ehemalige Mitglieder der Einheit 8200 dort IT-Firmen gründen. Rami Efrati ist einer davon. Er hat im Auftrag von Benjamin Netanjahu viele Jahre lang die Cyber Security in Israel vorangebracht. Unter anderem um Medizingeräte, wie etwa Herzschrittmacher, die mit dem Internet verbunden sind, vor Hacker-Angriffen zu schützen. Auch bei der Bekämpfung des Corona-Virus kommt Militärtechnologie zum Einsatz: So etwa beim Auftragen einer antiseptischen Beschichtung auf Schutzmasken. Natürlich kann andersherum auch ein für den zivilen Markt entworfenes Produkt ein militärisches Pendant inspirieren. Zivile und militärische Forschung und Entwicklung zusammenzubringen, sei in Israel weit verbreitet, so Efrati.

„Cyberattacken auf die Wirtschaft können das Land gefährden, indem sie Aktienmärkte beeinflussen oder die Energieversorgung lahmlegen.“

Rami Efrati, ehemaliger CEO National Cyber Bureau

Innovationen für die deutschen Streitkräfte

Auch für die Bundeswehr ist der unmittelbare Zugang zu Innovationen und Zukunftstechnologien wesentlicher Erfolgsfaktor für den Erhalt und Ausbau ihrer Fähigkeiten. Nur durch internationale Partnerschaften und Kooperationen mit Wirtschaft, Forschung und Start-ups werde die Bundeswehr reaktionsfähig bleiben können, heißt es im Weißbuch des Bundesministeriums der Verteidigung.

Das Innovation Management und der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw) unter dem Dach der BWI unterstützen die deutschen Streitkräfte dabei. Die Innovationseinheiten identifizieren Bedarfe der Soldatinnen und Soldaten, arbeiten mit Wirtschaft und Wissenschaft zusammen, schlagen die Brücke zur Digitalszene, sondieren den Markt, evaluieren neue Trends und Technologien, entwickeln Ideen für deren Einsatz und treiben so Innovationen in der Bundeswehr, wie zum Beispiel Virtual-Reality-Technologien, voran. Von der engen Verzahnung der Innovationseinheiten und den Programmen der BWI, beispielsweise zur Digitalisierung landbasierter Operationen, profitiert die Bundeswehr.

In der Arbeit der Innovationseinheiten kommt auch der eigenen Innovationsfähigkeit eine große Bedeutung zu. So startete der CIHBw gemeinsam mit der Einsatzflottille 1 der deutschen Marine 2019 etwa die „Innovation Challenge EF1“. Ziel dieses Intrapreneurship-Programms ist es, Bundeswehrangehörige bei der Weiterentwicklung ihrer Ideen als „Unternehmer im Unternehmen“ zu unterstützen und damit einen Beitrag zum Kulturwandel in der Bundeswehr hin zu mehr Innovationsbereitschaft zu leisten. Innerhalb der BWI fördert das Innovation Management diese Entwicklung. Neben Think-tanks, unternehmensweiten Innovationskampagnen unter Beteiligung der Streitkräfte, und Innovationsevents zu relevanten Trend- und Technologieentwicklungen, setzt das Unternehmen auf die Leistungsentwicklung seiner Mitarbeiter und die Entwicklung eines zukunftsfähigen Portfolios.

Schließlich gilt es, bei der Digitalisierung der deutschen Streitkräfte nicht nur mit dem digitalen Wandel schrittzuhalten, sondern diesen aktiv voranzutreiben.
 

„Wir empowern die Truppe, um besser, schneller und agiler arbeiten zu können.“

Matthias Görtz, Chief Technology Officer BWI

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