KI-Forschung in Deutschland: Abgehängter oder Vorreiter?

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Redaktion BWI

Innovation

Davon ist jedenfalls Wolfgang Wahlster überzeugt. Und Wahlster ist nicht irgendwer, sondern so etwas wie der KI-Pionier Deutschlands. Als technisch-wissenschaftlicher Direktor leitet er das 1988 gegründete Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. Mit rund 880 Mitarbeitern, 44 Millionen Euro Jahresumsatz und bislang mehr als 80 Ausgründungen gilt das DFKI als größte Einrichtung dieser Art weltweit.

Dieser Artikel ist Teil 3 der dreiteiligen Serie "KI: Was uns heute bewegt"

Wesentliche KI-Innovationen kamen aus Deutschland

Wahlster ist stolz auf sein Institut und auf die „KI-Geschichte“ der Bundesrepublik. In allen vier bisherigen Entwicklungsstufen sei Deutschland führend gewesen, sagt der 65-Jährige. Bis 1970 fokussierte die Forschung noch auf heuristische Systeme, die durch analytisches Vorgehen mutmaßliche Schlussfolgerungen aus begrenztem Wissen zogen. Anschließend folgte die Ära der wissensbasierten Systeme, die von lernenden und schließlich von kognitiven Systemen abgelöst wurden.

Sprachdialoge, die Informationsextraktion aus Texten, Bildfolgenanalysen, mobile Agenten, kollaborative Robotik, maschinelles Lernen, autonomes Fahren: Die Pioniere in all diesen Bereichen stammen, so Wahlster, zu großen Teilen aus Deutschland. Und doch scheint es, als habe der weltweite Wettbewerb die Bundesrepublik auf einen der hinteren Plätze verwiesen. Stimmt das?

Globales Miteinander oder Gegeneinander?

Wahlster selbst spricht von einer „Koopetition“ – einer Mischung aus Zusammenarbeit und Konkurrenzkampf – zwischen deutschen KI-Forschern und jenen der beiden anderen bedeutenden Forscherstaaten USA und China.

Laut DFKI sind die USA vor allem beim Einsatz von KI-Systemen für Werbung und Marketing führend. Unternehmen wie Salesforce, Google und Amazon hätten dafür enorme finanzielle Mittel zur Verfügung – auch, um endkundenbasierte Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Auch Fortschritte auf dem Gebiet des maschinellen Lernens kämen hauptsächlich aus den Vereinigten Staaten. China sieht das DFKI wiederum in den Bereichen nationale Sicherheit, Online-Handel, Gesundheitswesen und Smart City führend.

Und Deutschland? „Wir haben – um nur ein Beispiel zu nennen – die besten autonomen Fahrsysteme“, erklärte Wahlster auf der CEBIT 2018. Aber: „Wir vermarkten unsere Entwicklungen noch nicht als Produkt. Und das aus gutem Grund.“ Firmen wie Tesla würden KI-Systeme auf den Markt bringen, wenn sie diese selbst für ausreichend getestet halten. In Deutschland reiche das nicht. „Wir haben einen enormen Ruf zu verlieren“, so Wahlster. „Wenn wir es machen, werden wir es richtig machen.“

Die Frage ist nur: Was ist nötig, damit aus „wenn wir es machen“ ein „wir machen es“ wird?

Portrait Wolfang Wahlster © Jim Rakete/DFKI-Webseite

„In einigen Themengebieten der KI haben deutsche Forscher klar die Nase vorne, und in den meisten anderen arbeiten wir auf Augenhöhe mit den amerikanischen Kollegen gut zusammen.“

Wolfgang WahlsterLeiter des DFKI

Voraussetzungen für die Führungsrolle in der KI

Auf der CEBIT versuchten Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Recht eine Antwort darauf zu finden. Uwe Riss, Senior Researcher beim Softwarekonzern SAP, sieht den größten Bedarf in der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. „Die sind einfach notwendig in Zeiten der Datenwirtschaft. Wir haben die Technologien. Doch den Nutzen, den sie versprechen, bringen wir noch nicht an den Endkunden. Wir brauchen einen neuen Engineering-Ansatz, der nicht aufhört, wenn die Technologie einmal entwickelt ist.“

Doch bei alledem dürfe es jetzt nicht darum gehen, schnell mit KI-Systemen auf den Markt zu preschen, meint Prof. Dr. Kristian Kersting von der TU Darmstadt. Ohnehin stehe die KI-Entwicklung noch ganz am Anfang: „Wir können nicht vorhersagen, was der nächste große Durchbruch sein wird. Wir sollten daher die Grundlagenforschung vorantreiben und verstehen, wo wir wirklich helfen können.“

Als Rechtsexperte sieht Prof. Dr. Dr. Eric Hilgendorf vor allem juristische Hindernisse. Der Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht an der Universität Würzburg kritisiert unter anderem übertriebene Haftungsregeln und einen problematischen Datenschutz als Hemmnisse für deutsche KI-Produkte.

Portrait Prof. Dr. Dr. Eric Hilgendorf © CC BY-SA 3.0

„In vielerlei Hinsicht ist ein durchreguliertes System gut. Aber es ist ein schwieriges Umfeld für Innovation.“

Prof. Dr. Dr. Eric HilgendorfTU Würzburg

Ein Beispiel nennt er auch: Die Aufnahme von Risikokapital – etwa durch KI-Start-ups, sei in Deutschland mit zu vielen rechtlichen Hürden verbunden.

Die optimistischste Botschaft kam in dieser Diskussionsrunde wohl von Dr. Peter Schlicht, dem KI-Verantwortlichen bei Volkswagen. „Künstliche Intelligenz hat ein jugendliches Flair“, sagte er. Dieses Image müsse man jetzt mit der Wertigkeit zusammenbringen, für die deutsche Produkte stehen. Und man müsse sicherstellen, dass frisch ausgebildete Talente die Fähigkeiten mitbringen, die in der Wirtschaft benötigt werden – und nicht vom „akademischen Staub“ überlagert sind. Die Chancen dafür seien gut, sagt er. „Unser Vorteil ist, dass wir etwas Cooles machen!“

 

KI: Was uns heute bewegt - die Reihe im Überblick

 

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