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„Gegenseitig inspirieren und antreiben“ – Geopolitischer Wettbewerb und militärische Innovation

Redaktion BWI

Digitalisierung, Bundeswehr

In ihrer Begrüßung sagt Dr. Eva-Charlotte Proll, Mitglied der Geschäftsleitung des Behörden Spiegel: „Moderne Streitkräfte müssen heute interoperabel sowie verlässlich, sicher und leistungsfähig digitalisiert werden.“ Zentrale Problemfelder hierbei seien der Wettbewerb gegen günstige Anbieter aus Drittstaaten, die sichere Abschottung gegen Cyber-Angriffe und Resilienz. Im digitalen Zeitalter sei die enge Abstimmung zwischen Industrie und Streitkräften unerlässlich. Mit der Online-Diskussionsrunde unter dem Titel „Geopolitischer Wettbewerb und militärische Innovation: Trends und Handlungsbedarf“, moderiert von Generalmajor a. D. Reinhard Wolski, wolle man den Dialog zwischen Industrie und Streitkräften unterstützen sowie Trends und Handlungsbedarfe diskutieren.

Dr. Heiko Borchert, Inhaber und Geschäftsführer der Borchert Consulting & Research AG, beschreibt die Sicherheits-, Wirtschafts- und Technologiepolitik als zunehmend untrennbar. Man bewege sich auf einen systemischen Wettbewerb zu, der zunächst ein Wettbewerb alternativer politischer Ordnungsmodelle sei. „Für Unternehmen ist er der Wettbewerb um Geschäftsmodelle, Technologien und Standards“, erklärt Borchert. Die alles entscheidende Frage sei, wer die Standards in den strategisch relevanten Technologiefeldern festlegt und dadurch zu einer politischen, wirtschaftlichen und militärischen Größe wird. Kein Technologiefeld sei diesem geopolitischen Wettbewerb so ausgesetzt wie die Digitalisierung. „Die 5G-Diskussion der letzten Jahre war nur ein Vorgeschmack“, so Borchert.

Ökosysteme statt Einzelkämpfer

Percy Ott, Director Public Policy und Head of Government Affairs Germany von Cisco, bekräftigt diese Einschätzung: „Wir sehen, dass die digitale Transformation Unternehmen, Institutionen und Märkte schneller als jede andere technische Umwälzung bislang verändert.“ Im Kontext der Streitkräfte seien besonders drei Beobachtungen auf die Streitkräfte übertragbar. Erstens: Digital Vortex. Gemeint ist damit das Bild eines Wirbelsturms, der zwangsläufig auf ein digitales Zentrum zusteuert und dabei alles erfasst und soweit wie möglich digitalisiert – Geschäftsmodelle, Produkte, Wertschöpfungsketten. Ott konkretisiert: „Digitalisierung betrifft das Kerngeschäft und nicht nur Randprozesse.“ Es gehe um die dauerhafte Veränderung der Organisation, was vor allem auch eine Kulturfrage sei.

Zweitens: „Digitale Transformation ist Mannschaftssport.“ Damit Digitalisierung nicht in Insellösungen strandet, brauche es Veränderungsbereitschaft und ein Denken in verkürzten Innovationszyklen. Gleichzeitig müsse man Einzelkämpfer durch Ökosysteme ersetzen und weltweit verfügbare Kompetenzen selbstbestimmt und informiert nutzen. „Der Zugang zu Technologien ist ein entscheidender Wirkfaktor“, so Ott. Digitale Souveränität mit Abgrenzung zu verwechseln, hätte Auswirkungen auf die Innovationsfähigkeit, insbesondere für Streitkräfte. Drittens gehöre IT zur strategischen Planung. Digitalisierung müsse daher bei allen Entscheidungen von Anfang an mit eingebunden werden, damit die Streitkräfte digital agieren und wirken können.

„Digitale Transformation ist Mannschaftssport.“

Percy Ott, Director Public Policy und Head of Government Affairs Germany, Cisco
Panel der „Digitalen Brotzeit“ des Behörden Spiegel am 20. Januar (oben, v.l.n.r.): Dr. Heiko Borchert, Generalmajor a. D. Reinhard Wolski, Generalmajor Dr. Michael Färber; (unten, v.l.n.r.): Generalmajor Gert Friedrich Nultsch, Percy Ott und Generalleutnant Michael Vetter

Vorhersage und Vernetzung

Generalmajor Dr. Michael Färber, Kommandeur des Kommandos Informationstechnik der Bundeswehr, leitet aus der globalen Digitalisierung insbesondere zwei Handlungslinien für die deutschen Streitkräfte ab. Zum einen gebe es wieder einen Trend zur Dezentralisierung. Gerade in der digitalen Operationsführung werde es zunehmend auf dezentrale Systeme ankommen, die ausreichend Rechenleistung besitzen, um autark betrieben werden zu können, ohne dauerhaft mit einem zentralen Rechner verbunden zu sein. Das setzte Technologien wie IoT, KI und 5G voraus, die es ermöglichen, aus Vorhersage und Vernetzung Lagebilder in Echtzeit zu schaffen, um daraus Wirkmöglichkeiten abzuleiten. „Dieser Gesichtspunkt unter dem Begriff ‚intelligence to the edge‘ gefasst, ist für uns hoch relevant“, betont Generalmajor Färber. Für die Bundeswehr beschreibt er dabei ein dreistufiges Vorgehensmodell: eine private Cloud, die die Datenhoheit sichert, sowie verlegefähige Rechenzentren und Rechenleistung in der mobilen Operationsführung.

Andererseits unterstreicht Färber die Bedeutung von Algorithmen und die Frage, wie große Datenmengen bewirtschaftet und lernende Systeme realisiert werden können. Dabei sei es unerlässlich, dass sich die Streitkräfte mit Technologien wie Künstliche Intelligenz, Machine Learning oder Big Data befassen, um digital souverän zu sein: „Wir können nicht einfach kopieren, was die Hyperscaler machen“, fordert er. „Wir müssen in die Programmierung, in die Erstellung und in das Training von Algorithmen investieren, um selbst eine Beurteilungsfähigkeit zu bekommen, die uns mit Blick auf ein relevantes Lagebild auf eigene Füße stellt.“ Die zivile IT habe in diesem Bereich schon einige Erfolge verzeichnet, an denen sich die militärische IT orientieren könne.

„Wir können nicht einfach kopieren, was die Hyperscaler machen.“

Generalmajor Dr. Michael Färber, Kommandeur Kommando Informationstechnik der Bundeswehr

Austausch treibt Innovationen voran

Technologische Überlegenheit halten und wo erforderlich wiedererlangen, fordert auch Generalleutnant Michael Vetter, Chief Information Officer und Abteilungsleiter Cyber- und Informationstechnik (CIT) im Bundesministerium der Verteidigung: „Es geht nicht mehr ohne Digitalisierung. Digitale Technologien unterstützen alle militärischen Domänen: Führung, Aufklärung, Wirkung und Unterstützung.“ Und zwar in allen Räumen.

Digital selbstbestimmt souverän handeln zu können, versetze die Bundeswehr in die Lage, ihren Auftrag zu erfüllen, erfolgreich im Einsatz zu bestehen und den Herausforderungen des digitalen Zeitalters, wie etwa der Komplexität der heutigen Informationsdichte, zu begegnen. Für die Bundeswehr nannte Generalleutnant Vetter fünf Handlungslinien. Eine davon ist, die Innovationsfähigkeit zu steigern. Dabei setzt die Bundeswehr auch auf die Zusammenarbeit mit Start-ups. Den Bereich Forschung und Technologie habe man lange Zeit vernachlässigt, bedauert Vetter. Da gebe es Nachholbedarf. Einrichtungen wie der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr zeigten diesbezüglich aber bereits erste Erfolge. Außerdem wurde die Agentur für Innovation und Cybersicherheit eingerichtet, um die Forschung zu Themen der Cybersicherheit zu koordinieren. Und auch an den Universitäten der Bundeswehr werde es immer konkreter, berichtet Vetter. Sie vernetzten sich – ebenso wie die Innovationseinheit innoX der BWI – erfolgreich mit industriellen Partnern, Forschung und Start-ups.

 

Die gesamte Digitale Brotzeit gibt es auf der Webseite des Digitalen Staat Online.
 

„Digitale Technologien unterstützen alle militärischen Domänen: Führung, Aufklärung, Wirkung und Unterstützung.“

Generalleutnant Michael Vetter, Abteilungsleiter Cyber- und Informationstechnik im Bundesministerium der Verteidigung

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