© BWI GmbH

Etappensieg dank Pioniergeist: BWI-Vision des virtuellen Lageraums nimmt Gestalt an

Redaktion BWI

Innovation, Bundeswehr

Oberstleutnant Heiko P. der Luftwaffe trägt eine VR-Brille, in seinen Händen hält er Controller. Sorgfältig zieht er eine Linie in die Luft, zeigt zielgerichtet auf verschiedene Punkte im leeren Raum und spricht konzentriert mit unsichtbaren Zuhörern. Wer ihn beobachtet, merkt, dass sich der Soldat in einer anderen Welt befindet – genauer gesagt in einem virtuellen Meeting-Raum. Dort nimmt sein Avatar an einer Lagebesprechung teil – VR macht es möglich. Im VR-Raum trifft er sich mit den weiteren an der Mission Beteiligten. Gemeinsam planen sie die Durchführung einer Luftoperation, obwohl sich die Pilot*innen und die oder der Befehlshabende in der „echten“ Welt auf unterschiedlichen Flugplätzen befinden. Dank VR-Lage wird es – wie im beschriebenen fiktiven Szenario – künftig möglich sein, dass solche Entfernungen keine Rolle mehr spielen.

Eines vorneweg: VR Lage eröffnet vielversprechende Möglichkeiten. Aktuell handelt es sich dabei jedoch um ein Experiment, das noch verschiedene Runden zu durchlaufen hat, bis es tatsächlich in der Praxis Einzug hält. In der ersten Phase von Oktober 2019 bis April 2020 hat die BWI überprüft, ob die VR-Technologie für die Planung, Vor- und Nachbereitung von Missionen geeignet ist, deren Teilnehmer*innen disloziert, also von unterschiedlichen Orten aus, zusammenarbeiten. Damit wurde der Grundstein für den virtuellen Meeting-Raum gelegt, der mit verschiedenen digitalen Werkzeugen ausgestattet ist. Die Ergebnisse waren überzeugend. Deshalb entschied die Bundesministerin der Verteidigung, Annegret Kramp-Karrenbauer, beim 4. Leitungsboard Digitalisierung, das Experiment VR-Lage in einer zweiten Phase fortzuführen. Von Oktober 2020 bis April 2021 entwickelten Markus Zobel und seine Kolleg*innen vom innoX-Team der BWI den virtuellen Lageraum weiter. Dabei arbeiteten sie mit hochspezialisierten Partnern zusammen.

Mit VR-Brille ins virtuelle Meeting – VR macht’s möglich. © BWI GmbH

Zusammenarbeit auf einem neuen Level

In puncto Zusammenarbeit hat sich einiges getan. Während der ersten Phase wurde VR-Lage nur in einem kleinen Teilnehmerkreis erprobt. Jetzt nach Abschluss der zweiten Experimentphase können mehr Personen im virtuellen Raum zusammenkommen – zwei Luftwaffengeschwader, Zuständige aus umliegenden Dienststellen und weitere Experten. Für eine effektivere und effizientere Zusammenarbeit können Karten, Bilder oder Objekte auf einer 4D-Karte gezeigt werden. Zu den drei bekannten Dimensionen Höhe, Breite und Tiefe kommt also noch eine vierte hinzu: die Zeit. Dadurch wird es möglich, animierte Sequenzen abzuspielen, etwa die Veränderung der Wetterlage.

So können zum Beispiel die Flugwege erarbeitet oder der Zeit- und Tankerplan abgesprochen werden. In der ersten Phase war nur einfaches Kartenmaterial einblendbar, jetzt lassen sich komplexe Satellitenbilder, Luftraumstrukturen und die Simulation von Ereignissen am Boden und in der Luft auf dem Lagetisch darstellen. Das fördert den Informationsaustausch und beugt Missverständnissen vor.

Um die Anwendung von VR-Lage komfortabler zu gestalten, wurde eine kompaktere und mobilere Hardware eingesetzt: Die leichtere VR-Brille verbessert die User Experience und die Nutzer*innen können den virtuellen Lageraum im Stehen, Sitzen oder von einem Schreibtisch aus „betreten“.

Sprachsteuerung im virtuellen Raum – eine BWI-Pionierleistung

Darüber hinaus hat das innoX-Team eine Dialog- und Sprachsteuerung in VR-Lage integriert. „Damit haben wir Pionierarbeit geleistet,“ so VR-Experte Markus Zobel. „Zuvor kamen Sprachassistenten im virtuellen Raum nicht zum Einsatz. Mit VR-Lage sind wir meines Wissens nach die Ersten, die sozusagen eine eigene ‚Alexa‘ integrieren. Unser Technologie-Partner ist ein Start-up, dessen Mit-Gründer und Wissenschaftlicher Leiter den Sprachassistenten von Amazon mitentwickelt hat.“

In der Praxis bedeutet das, die Nutzer*innen können künftig über einfache Sprachbefehle Funktionen aufrufen. Anstatt sich mit dem Controller durch virtuelle Menüs zu navigieren, genügen entsprechende Ansagen – wie beispielsweise „Öffne das Whiteboard“ oder „Zeige Satellitenbild“. Außerdem ist es in Zukunft möglich, dem System Fragen zu stellen – etwa nach der aktuellen Wetterlage.

Hand in Hand: Nutzerfreundlichkeit trifft Sicherheit

In der zweiten Phase von VR-Lage wurden auch die Weichen für eine Gestensteuerung gestellt. Das bedeutet, die an der Einsatzplanung Beteiligten können künftig in der virtuellen Welt ihre Hände nutzen. Dies testeten die Teilnehmenden der Luftwaffe bereits außerhalb des VR-Lage-Raums experimentell. Der große Vorteil: Dabei ersetzen die Hände die bisher erforderlichen Controller, was sowohl die Usability als auch die Kommunikationssicherheit von VR-Lage erhöht. Denn Controller sind via „Bluetooth“ mit der VR-Brille gekoppelt, sodass Funksignale leicht abgefangen und manipuliert werden könnten. Diese Gefahr besteht dann nicht mehr, da die Handbewegungen durch Kameraaufnahmen der VR-Brille übertragen werden.

Sicher in der Cloud

Auf übergeordneter Ebene hat das innoX-Team zudem den Sicherheitsstandard verbessert: Zum einen integrierten die IT-Experten die Sichere Inter-Netzwerkarchitektur (SINA) – eine wichtige Grundlage zur geschützten Datenübertragung. Zum anderen wurde die komplette IT-Infrastruktur vernetzt und in die Entwicklungsumgebung BWI-Cloud-Lab überführt. Der Hintergrund: Da die BWI für die hochkomplexe Umsetzung von VR-Lage mit spezialisierten Partnern zusammenarbeitete, nutzte sie im ersten Schritt die IT-Infrastrukturen ihrer Dienstleister. Die Erkenntnisse des Experiments zeigen, dass die IT-Architektur Cloud-ready ist und bei Bedarf in die Private Cloud der Bundeswehr aufgenommen werden kann. Diese Schritte waren wichtig, um VR-Lage noch resilienter zu machen und die digitale Souveränität der Bundeswehr zu stärken.

Mit der Weiterentwicklung ist das Potenzial von VR in der Luftwaffe jedoch noch lange nicht ausgeschöpft: Perspektivisch wäre es denkbar, dass nicht nur die Planung von Missionen virtuell erfolgt, sondern auch die Durchführung mittels VR durch den Mission Commander angeleitet wird. Die beteiligten Einheiten könnten vom Befehlshabenden in Echtzeit aus dem Lageraum heraus neue Informationen erhalten, wodurch er den Verlauf der Operation unmittelbar beeinflussen könnte. Mit VR-Lage ist es gelungen, die digitale Transformation der Bundeswehr – speziell der Luftwaffe – einen weiteren Schritt voranzubringen.

 

Sie möchten mehr über VR-Lage erfahren? Sehen Sie sich den Clip dazu auf YouTube an.

Das könnte Sie auch interessieren: