Digitalisierung:
Mensch und Prozess
in den Hauptrollen

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Dr. Daniel Frohschammer
Dr. Daniel Frohschammer

Innovation, Unternehmen

IT-Branche und Medien haben die Chance der Corona-Pandemie eindeutig und schnell identifiziert: der Durchbruch in der Digitalisierung von Staat und Wirtschaft. Wo möglich wechselten Mitarbeiter*innen kurzfristig ins Homeoffice und die Zusammenarbeit verlagerte sich in den virtuellen Raum – für viele Unternehmen und Behörden ein Paradigmenwechsel. Und ein wichtiger Impuls für die Arbeitswelt. Arbeitgeber waren gezwungen, ihren gewohnten Widerstand gegen mobile Arbeitsplatzlösungen aufzugeben. Vollkommen unvorbereitet, kurzfristig und mit hohem Aufwand wurden Kollaborationslösungen bereitgestellt und in Arbeitsprozesse integriert. Das hat weitgehend funktioniert. Viele Unternehmen und Behörden konnten so ihren Arbeitsbetrieb fortführen. Einzelne Studien berichten sogar von Produktivitätssteigerungen. Vor 20 Jahren wäre das so noch unmöglich gewesen.

Digitalisierung erzeugt einen tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel, der unsere Arbeits- und Lebenswelten völlig neu definiert. Entsprechend häufig fällt der Begriff der „digitalen Revolution“. Auch wenn Umfang und Auswirkungen heute kaum absehbar sind. Automation und Digitalisierung stellen uns vor neue ökonomische, gesellschaftliche, soziale, rechtliche und ethische Herausforderungen, für deren Bewältigung teilweise erst die notwendigen Voraussetzungen und Normen geschaffen werden müssen. Dieses stetige Wachstum und die Verfügbarkeit digitaler Daten sind die wesentlichen Motoren für die Gestaltung von digitalen Prozessen. Je genauer die Daten sind, desto smarter und effizienter können wir mit ihnen Prozesse gestalten.
 

Im Mittelpunkt: Prozess und Mensch

In einer digitalisierten Unternehmenswelt haben Prozesse einen höheren Stellenwert als in einem vorwiegend analogen Umfeld. Sie werden zu Augen und Ohren des Unternehmens. Nach außen dienen sie als Antenne zum Kunden und geben beispielsweise Aufschluss über das Nutzungsverhalten bei bestimmten Angeboten. Die gewonnenen Erkenntnisse wiederum ermöglichen eine optimierte Wertschöpfung. Prozesse erlauben dem Kunden unter anderem in immer größerem Maß Einfluss auf die Gestaltung von Produkten zu nehmen und sie zu individualisieren. Außerdem liefern Prozesse Datensignale über zukünftige Trends und eröffnen die Chance, frühzeitig Geschäftsfelder mit genau darauf abgestimmten Produkten und Services zu erschließen.
 

Im Mittelpunkt der Digitalisierung stehen also nicht Technologien. Es sind Prozesse. Ihre intelligente Gestaltung entscheidet darüber wie die Wertschöpfung einer Organisation ausfällt. Entsprechend erfolgskritisch sind ihre Funktionsweise und Qualität. Ein erfolgreicher digitaler Wandel braucht gute analoge Prozesse. Sie sind die Basis für Digitalisierung und Automatisierung. „Ein schlechter Prozess bleibt digitalisiert ein schlechter Prozess.“ Dieser Grundsatz gilt, egal wie raffiniert und intelligent die gewählten Technologien zur Prozessunterstützung sind. Bei der Digitalisierung sollten Prozesse also nur da technologisch unterstützt beziehungsweise automatisiert werden, wo es sinnvoll und möglich ist.
 

Fertigungs- und Serviceprozesse können beispielsweise so gestaltet werden, dass sie bei Bedarf selbstständig Bestellungen auslösen und Beschaffungsvorgänge mit Lieferantenprozessen direkt und ohne menschliches Zutun vornehmen. Menschliche Arbeit wird substituiert. Das Beispiel zeigt, dass wir, in einer ganzheitlichen, systemischen und vernetzten Sicht auf die Digitalisierung auch auf die Menschen hinter den Prozessen eingehen müssen. Und auf das, was eine Veränderung der Arbeits- und Lebensverhältnisse für sie bedeutet. Die Gestaltung von Prozessen ist daher auch Ausdruck der Unternehmenskultur. Ohne den sozialen und kulturellen Kontext zu berücksichtigen, sind Menschen kaum veränderungsbereit und eine Digitalisierung scheitert letztlich an den Widerständen der Mitarbeiter*innen.
 

Die technologischen Treiber

Der wichtigste Impulsgeber der Digitalisierung derzeit ist die Automatisierung und Robotisierung von Prozessen. Wobei Prozessautomatisierung kein Produkt der Digitalisierung ist, sondern ein seit Jahrzehnten bewährtes betriebswirtschaftliches Instrument. Der entscheidende Unterschied zur Prozessdigitalisierung liegt in der neuen Verfügbarkeit umfassender Datenbestände. Ihre Auswertung und Analyse bringt ein vielfältig erweitertes Prozessverständnis mit sich. Dabei gehen Prozessautomatisierung und Digitalisierung Hand in Hand. Der Einsatz und die Vernetzung immer leistungsfähigerer Überwachungs- und Steuerungsinstrumente (Sensoren) sowie die Anwendung intelligenter Analyse-Algorithmen (Künstliche Intelligenz) schaffen die Möglichkeit, Prozesse in weitaus größerem Umfang zu automatisieren.
 

So sind beispielsweise in Windrädern bis zu 600 Sensoren verbaut, die alle erdenklichen Parameter messen. Diese immensen Datenmengen werden mithilfe von KI interpretiert. Algorithmen erkennen Muster und gleichen diese gegen mehr als 400 definierte Fehlerbilder ab. Tritt etwa eine Unruhe im Windrad auf und fällt gleichzeitig die Temperatur auf den Gefrierpunkt oder darunter, weist das auf eine Eisschicht auf den Rotorblättern hin. Die Anlage stellt sich automatisch ab, bevor Schaden entsteht.
 

Verbindung von Mensch und Prozess

Das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) macht Alltagsgegenstände smart. In Toastern, Zahnbürsten, Türschlössern oder Kühlschränken eingebettete Computer werden uns in Zukunft unterstützen. Das Wesen von loT liegt in der Verbindung von Menschen, Dingen, Daten und Prozessen. Die daraus in einem bestimmten Kontext gewonnenen Informationen haben eine neue Qualität und ermöglichen es, entsprechend smarte Prozesse zu gestalten.
 

Zudem ist es möglich, Prozesse zu vernetzten und neue Prozessketten entstehen zu lassen. Wie zum Beispiel beim autonomen Fahren, das Automotive- und Telekommunikationsprozesse verbindet, und damit zu den wesentlichen technologischen Treibern gehört. In der Produktion ermöglicht diese Verkettung von Prozessen künftig, Produkte und Dienstleistungen stärker zu individualisieren, bis hin zur Losgröße eins. Schon heute können Kunden ihr Auto konfigurieren und direkt die Produktion mit anschließender Auslieferung auslösen. Die Möglichkeit von 3D-Druck erweitert diesen Gestaltungsraum. Einige große IT-Systemhäuser experimentieren bereits mit Services, die Kunden per Web-Konfigurator erstellen und per Klick produzieren lassen können. Zum Beispiel T-Systems. Der IT-Dienstleister bietet Services und Multi-Cloud-Anwendungen auf Basis moderner programm- und softwaregesteuerter Kommunikationsnetzwerke an, die Cloud, Rechenzentren, WAN und LAN umfassen, und die Komplexität digitaler Dienste für Kunden reduzieren sollen.
 

Beam me up!

Das Potenzial ist groß. Aber wir machen es uns zu leicht, wenn wir über die Chancen der Digitalisierung und den Schub durch COVID-19 philosophieren und uns dabei rein auf die Leistungsfähigkeit von Technologien konzentrieren. Nur wer Prozesse in den Mittelpunkt stellt und Menschen mitnimmt, wird die technischen Visionen verwirklichen können.
 

Dieser Gedanke steht im Mittelpunkt einer Kampagne mit dem Titel „Beam me up!“, die das Innovation Management der BWI am 20. Juli gestartet hat. Drei Wochen lang können Mitarbeiter*innen der BWI nun ihre Ideen einreichen, um Prozesse zu verschlanken, wo sinnvoll mit Technologien zu kombinieren und um veraltete Arbeitsroutinen zu ersetzen oder zu automatisieren. Es geht um kreative Ansätze, die das Arbeitsleben in der BWI in den kommenden Jahren schneller, einfacher, direkter und leichter machen.
 

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