Auf dem Gefechtsfeld der Zukunft: Digitalisierung landbasierter Operationen

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Holger Bonnen
Holger Bonnen

Bundeswehr, Innovation

Ob Operationen erfolgreich sind, hängt zunehmend von Umfang und Qualität der Digitalisierung beteiligter Kräfte ab. Denn militärische Auseinandersetzungen bestehen mehr und mehr aus dem Einsatz herkömmlicher Kräfte und Mittel in Kombination mit automatisierten und (teil-)autonomen Systemen. Geprägt durch Angriffe und Aktivitäten im Cyber- und Informationsraum, massive Störung von Übertragungswegen sowie weiterer hybrider Einschränkungen der eigenen Operationsplanung und -führung, finden Einsätze unter zunehmend erschwerten Bedingungen statt. Dieser sogenannte Hyperwar stellt die wesentliche Herausforderung für die Streitkräfteentwicklung dar.

Vernetzte Kräfte, präzise Lagebilder

Eine Antwort auf diese Entwicklung ist die resiliente Vernetzung von Sensorik und Effektorik beteiligter Kräfte, wie etwa Kameras, Drohnen und unbemannte Land- und Luftsysteme. Die Vielzahl der aufkommenden Daten und Informationen wird dabei mit den verfügbaren Wirkmitteln in Bezug gesetzt. Dadurch lassen sich einem militärischen Führer im besten Falle bereits Angebote für angemessenes Handeln unterbreiten – das Prinzip „Sensor to Shooter“. Um Planungs- und Entscheidungsprozesse derart unterstützen zu können, müssen Streitkräfte verfügbare und künftige Technologien konsequent nutzen.

Wesentliche Voraussetzung hierfür ist, aktuelle und präzise Lagebilder eigener, verbündeter und sonstiger Kräfte zu erzeugen und zu teilen. Solche Lagebilder umfassen neben Aktivitäten und Bewegungen gegnerischer Kräfte deren Planungen und Absichten und führen zu verwertbaren Zieldaten. Entscheidend sind im digitalisierten bodengebundenen und bodennahen Gefechtsraum außerdem die optimale Planung, Vorbereitung, Dislozierung und Versorgung eigener Kräfte sowie die Synchronisierung ihres Zusammenwirkens.

Das gläserne Gefechtsfeld

Auf einem zunehmend transparenten Gefechtsfeld wird es mehr denn je darauf ankommen, relevante Daten zu filtern, aufzubereiten (smart data) und ebenengerecht so verfügbar zu machen, dass das eingesetzte militärische Führungspersonal präzise, angemessen und schneller als der Gegner handeln kann. Neben dem Faktor Zeit kommt es also auf die Verfügbarkeit, Integrität und Genauigkeit von Daten an. Dabei müssen alle Komponenten und Systeme sicher funktionieren, bruchfrei zusammenwirken und unter anderem störresistent und resilient sowie unter extremen Bedingungen intuitiv bedienbar sein. Nur so erlauben sie das autarke Handeln der Kräfte „in der ersten Meile“.

 

„Ausgangspunkt der Digitalisierung militärischer Operationen ist und bleibt der Mensch. Das heißt, Maßstab ist der Erfolg im Einsatz.“

Frank Leidenberger, Chief Strategy Officer BWI GmbH

Von Edge Computing bis zu KI

Zeit ist zwar der kritische Faktor, aber nur dann Schlüssel zum Erfolg, wenn das (schnellere) Handeln auf Basis eines genauen, vollständigen und aktuellen Lagebildes erfolgt. Der Einsatz neuer Technologien, wie Edge Computing, Cloud, Mesh-Netzwerke oder künstliche Intelligenz (KI), entscheidet zunehmend über die Informations-, Führungs- und Wirkungsüberlegenheit während einer militärischen Operation mit. Algorithmen unterstützen dabei, eine große Anzahl an Wirkmitteln im Verbund einzusetzen. Durch schnellere Analysen unzähliger Daten aus verschiedenen Quellen ermöglichen KI-basierte Informationssysteme fundiertere, präzisere und schnellere Entscheidungen. Cloud- und Edge Computing sowie moderne Übertragungstechnologien helfen, auch bei eingeschränkter Konnektivität Informationen optimal zu verteilen.

Dabei gibt es viele offene Fragen. Was heute „Gefechtstand“ heißt und primär als Ort verstanden wird, ist letztlich eine Funktion. Die Aufgaben dieser Funktion werden sich genauso verändern, wie Leistungen auf der Ebene von Sensoren und Effektoren. Mit den Möglichkeiten der Digitalisierung ändern sich Mittel und Verfahren. Neben der Optimierung bereits bestehender Strukturen, Abläufe und Verfahren, geht es bei konsequenter Digitalisierung immer auch darum, traditionelle Wege in Frage zu stellen und neue, bessere Wege zu denken und zuzulassen. Damit wird die konsequente Umsetzung der Sensor-to Shooter-Logik Landstreitkräfte sowohl ablauf- als auch aufbauorganisatorisch verändern.

Vernetzung ist Pflicht

Mit einem Battle Management System (BMS) soll die vernetzte Gefechtsführung sowohl auf nationaler als auch auf Bündnisebene möglich werden. Das BMS soll dafür sorgen, dass sich Informationen interoperabel zwischen Gefechtsständen, Einheiten und Verbündeten bruchfrei austauschen und verwenden lassen. Diese Vernetzung ermöglicht ein digitales Lagebild, das es erlaubt, taktische Entscheidungen schneller und präziser als heute zu treffen und umzusetzen.

2023 soll das neue digitale Führungssystem zur Verfügung stehen. Dann wird es erstmals für die NATO-Eingreiftruppe „Very High Readiness Joint Task Force (Land)“ (VJTF (L)) zum Einsatz kommen, deren Führung Deutschland dann wieder übernimmt. Das Projekt „BMS VJTF 2023“ ist Teil des Programms D-LBO. Die BWI unterstützt die Bundeswehr mit der IT-Serviceentwicklung, dem Rollout der Software und dem Betrieb der Services.

„Das BMS stellt sicher, dass Services vom abgesessenen Soldaten bis hin zum Gefechtsstand durchgängig genutzt werden können.“

Oberst Frank Pieper, Chief Digital Officer Heer

User first

Bei allem ist und bleibt der Nutzer Ausgangspunkt für die Digitalisierung militärischer Operationen und die Bewertung moderner Technologien. Deshalb ist er bereits in der Entwicklung eingebunden, um Prototypen zu testen und mögliche Lösungen zu validieren. Zudem werden Best Practices sowie Lessons Learned aus Übungen und Einsätzen einbezogen.

In dem im letzten Jahr neu aufgestellten Test- und Versuchsverband in Munster erproben Soldatinnen und Soldaten neue verfügbare digitale Technologien. Nutzer definieren auch, welche Ergebnisse am Ende eines sogenannten Spirals, also eines Entwicklungszyklus‘, erzielt werden sollen und sprechen Empfehlungen aus, die für Beschaffung und Entwicklung berücksichtigt werden. Der Test- und Versuchsverband Munster wird Teil des geplanten Systemzentrums „Digitalisierung Land“, der bundeswehrgemeinsamen Einrichtung für die Digitalisierung der Landstreitkräfte.

In deutsch-niederländischer Sache

Um gemeinsam mit NATO-Partnern und Verbündeten operieren zu können, müssen sich IT-Systeme bruchfrei verbinden lassen. Um Kompatibilität und Interoperabilität geht es in dem 2018 gestarteten Kooperationsprogramm „Tactical Edge Networking“ (TEN). Mit ihm verzahnen deutsche und niederländische Streitkräfte die binationalen Anteile ihrer Digitalisierungsvorhaben D-LBO und FOXTROTT. Darauf haben sich beide Nationen 2019 mit Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding geeinigt. Ziel des gemeinsamen Programms ist es, deutsche und niederländische Streitkräfte auf allen Ebenen miteinander zu vernetzen und die weitere Entwicklung ihrer Einsatz-IT zu gestalten. Damit stellt TEN eine der wesentlichen Handlungslinien für die Digitalisierung von Landstreitkräften in Europa dar.

Die BWI stellt für TEN unter anderem das Project Management Office unter Leitung des Chief of Staff des I. Deutsch-Niederländischen Korps. Zudem unterstützt sie das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) dabei, das Betriebskonzept für das erste Kräftedispositiv, also den ersten digitalisierten Gefechtsverband, zu erstellen sowie bei der Konzeption der nationalen Einrüststrategie, unter anderem für sämtliche Fahrzeuge.

Als Digitalisierungspartner der Bundeswehr wird die BWI sowohl das nationale Programm D-LBO als auch das binationale Vorhaben TEN mit ihrer Expertise und den Erfahrungen aus dem IT-Projekt HERKULES weiter mitgestalten. Das Ziel aller beteiligten Bereiche ist es, Mehrwerte für den Nutzer zu schaffen und die Digitalisierung der Operationsführung weiter voranzutreiben.
 
 
Mehr über die Digitalisierung im Heer
 

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