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Alles ist adaptiv: Innovationskampagne startet Erprobungsphase

Redaktion BWI

Innovation

Zwischen ärztlicher Eingangsuntersuchung und computergestütztem Aufnahmetest kurz noch in den Körperscanner – mehr braucht es nicht, damit Soldat*innen bei Dienstantritt ihre Uniformen unkompliziert und passgenau auf ihre Stuben erhalten. So sieht es jedenfalls das Innovationsprojekt „Digitale Einkleidung“ vor. Seit Jahrzehnten organisiert die Bundeswehr die Einkleidung ihrer Soldat*innen mithilfe von Laufzetteln. Viele Personen sind an dem Prozess beteiligt. Das macht ihn zeitintensiv und ungenau. Und häufig sitzen die ausgegebenen Uniformen am Ende mehr schlecht als recht. Papierlos und praktisch soll die neue Lösung daher sein, und die vielen Wege reduzieren.

Das Adaptive Enterprise als Immunsystem

Entstanden ist die Idee zur digitalen Einkleidung im Rahmen der Innovationskampagne „Alles ist adaptiv! Die Evolution der Anpassung“ von BWI und Bundeswehr. Ziel der Kampagne der BWI-Innovationseinheit innoX: Die eigene Organisation zum Adaptive Enterprise entwickeln. Das heißt, in der Lage sein, sich agil und unkompliziert an sich ändernde Gegebenheiten wie zum Beispiel Lieferketten, Märkte oder Trends anpassen zu können. Dazu gestalten die Beteiligten administrativ aufwändige Prozesse und Strukturen neu und setzen smarte Technologien ein.

Pascal Villain, Senior Expert bei BWI innoX, vergleicht den Ansatz mit einem Immunsystem: „Reist man beispielsweise vom Nordpol nach Südafrika, hat man zwar eine kurze Eingewöhnungszeit und fühlt sich etwas mulmig. Nach wenigen Tagen passt sich das Immunsystem aber für gewöhnlich an und lässt den Menschen fast überall auf der Welt leben.“ Dieses Prinzip der Anpassungsfähigkeit sollte auf die Kampagne übertragen werden. BWI und Bundeswehr wollten gemeinsam adaptiver werden, damit sie sich schneller an neue Begebenheiten anpassen und nachjustieren können, wenn etwas nicht funktioniert.

Damit das gelingt, müsse für Villain nicht zwangsläufig die modernste Technologie eingesetzt werden. Auch scheinbar kleine Digitalisierungsschritte mit bereits vorhandener Technologie könnten den entscheidenden Unterschied machen und trieben die Entwicklung zum Adaptive Enterprise voran. Hauptsache sei, dass sie den Alltag leichter und effizienter machten.

„Es muss nicht immer die neueste Technologie sein, um Innovationsprojekte zu realisieren.“

Pascal Villain, Senior Expert Innovation Management BWI innoX

Innovationsideen entstehen von innen heraus

Die Notwendigkeit eines anpassungsfähigen Unternehmens hat sich gerade zu Beginn der Pandemie gezeigt, berichtet Villain. Die Bundeswehr sei nicht für Homeoffice ausgelegt gewesen. Dennoch mussten von jetzt auf gleich Tausende zusätzliche Krypto-Rechner bereitgestellt, Bandbreiten erhöht, Telearbeitsplätze verzehnfacht und Lösungen für mobile Kommunikation und Kollaboration geschaffen werden – mit Erfolg. „Die Bundeswehr kann adaptiv sein, wenn es darauf ankommt“, ergänzt René Tedeski, Senior Expert bei BWI innoX. Gemeinsam mit Villain hat er die Leitung der Kampagne übernommen, als sie Anfang des Jahres in die Vorbereitung ging.

Die Innovationskampagne sollte adaptive Organisationsstrukturen fördern und BWI und Bundeswehr in der Arbeit daran näher zusammenbringen. Die Innovationsideen sollten wiederum direkten Bezug zum Alltag der Soldat*innen haben. Daher wurden erstmals alle Organisationsbereiche der Bundeswehr in eine solche Kampagne eingebunden.

„Ziel der Innovationskampagne war es, nicht nur Ideen zu generieren, sondern auch BWI und Bundeswehr enger zu verbinden.“

René Tedeski, Senior Expert Ideation & Experiments BWI innoX

Zum Auftakt der Kampagne diskutierten BWI- und Bundeswehrangehörige in fünf Workshops sowie fünf Ideation Sessions Möglichkeiten und Herausforderungen von Adaptivität. So wurde ein gemeinsames thematisches Verständnis geschaffen. Auf der Basis reichten die Teilnehmer*innen binnen weniger Wochen 267 Innovationsideen für eine adaptivere Bundeswehr ein – weit mehr als erwartet. 165 der Ideen entfielen dabei auf Soldat*innen und zivile Bundeswehrmitarbeitende. 102 Vorschläge stammten aus den Reihen der BWI. Die Zahlen bestätigten den Ansatz der Initiatoren, Anwender*innen direkt von Anfang an in die Kampagne einzubeziehen.

Pitch Day Anfang Mai: Jens Muschner, Leiter BWI innoX, mit Frank Hornbach, Strategic Innovation Advisor BWI innoX, und Brigadegeneral Frank Pieper, Chief Digital Officer Heer © BWI GmbH

Über mehrere Entscheidungsrunden hinweg legten die Organisatoren Auswahlkriterien wie Themenbezug, Vereinbarkeit mit dem Kampagnenkonzept oder Bundeswehrfokus an und kürten zwölf Themen, die die Ideengeber vor einer Jury präsentierten. Deren Mitglieder Brigadegeneral Frank Pieper, Chief Digital Officer (CDO) Heer, und Oberst Klaus Günter Glaab, Leiter Digitalisierung im Bundesministerium der Verteidigung, sowie die Geschäftsführung der BWI, Martin Kaloudis (CEO), Katrin Hahn (CRO) und Frank Leidenberger (CDO und Kampagnensponsor), wählten Anfang Mai schlussendlich fünf Ideen aus, die BWI und Bundeswehr nun in einer etwa viermonatigen Experimentphase erproben.

Die Top Fünf der Innovationskampagne

Neben der digitalen Einkleidung zählt die „Digitale Materialbewirtschaftung“ (DigiM) zu den Top-Fünf-Ideen der Innovationskampagne. Viele Soldat*innen müssen fortlaufend Material überprüfen, zählen, reinigen und sortieren sowie händisch Bestandsbücher führen. Das ist zeit- und ressourcenintensiv und führt zu einer Art ständigen Inventur. DigiM soll den Prozess vereinfachen und derzeit blockierte Ressourcen wieder freigeben. S.C.O.U.T. (Super-intelligent Chatbot of United Teams) hingegen bietet als Chatbot und persönlicher Assistent Mitarbeitenden von BWI und Bundeswehr digitale Hilfestellung in diversen Handlungsfeldern wie zum Beispiel mit Suchfunktionen oder als persönlicher Assistent.

Die Innovationsidee Placidevio wiederum soll Mitarbeitenden der Streitkräfte eine Lowcode-Plattform bereitstellen, mit deren Hilfe ohne Programmierkenntnisse praktisch per Drag and Drop einfache Anwendungen erstellt werden können, die tägliche Probleme lösen. Das spart ebenfalls Ressourcen und entlastet Entwickler*innen. Und zu guter Letzt: Check & Go, eine Datenbank, die Projektleiter*innen im Anforderungsmanagement unterstützen soll. Nutzer*innen können im Tool die Anforderungsprofile bereits abgeschlossener Projekte einsehen und auf ihren individuellen Anwendungsfall übertragen. Das soll den Wissensaustausch stärken und Synergien in der Bundeswehr schaffen.

Innovationskampagne soll etwas bewegen

Die Kampagne hat einen Nerv getroffen, resümiert Villain. Sie habe einmal mehr gezeigt, welches Innovationspotenzial in der Bundeswehr steckt. Und sie zeigt, wie ergiebig die Zusammenarbeit von BWI und Bundeswehr ist, so Tedeski. Die BWI sei Experte für Technologien und Digitalisierung. Gleichzeitig kenne sie die Bundeswehr wie kein anderer. Daher könne sie Ideen und Problemstellungen aus der Truppe gut aufgreifen und gemeinsam mit Anwender*innen Lösungen entwickeln. Villain ergänzt: „Wir wollen als BWI etwas bewegen und den Soldat*innen das Leben vereinfachen.“

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